den Augenblick erkennen, den Moment erleben

21. Juni 2017

Und, was macht die Zukunft? Gedanken aus dem Roman "Lied für eine geliebte Frau" von Erik Orsenna


Eine Textstelle weilt bereits seit geraumer Zeit in meinem Kopf. Seitdem ich die Passage in Erik Orsennas Roman Lied für eine geliebte Frau las, formen sich meine Gedanken und sind schlussendlich doch nicht spruchreif. Die Zeilen bedeuten mir viel, es hat etwas mit dem Carpe diem Gedanken zu tun, der über ihnen schwebt, und mit der Frage, was Nostalgie und auch Sehnsucht mit uns machen. Während die Antworten auf sich warten lassen, teile ich diese Passage mit euch, damit sie auch in euren Köpfen Zeit zum Arbeiten und Rumoren hat.


[Der Protagonist im Gespräch mit der Mutter seiner Kinder.]
"Und, was macht die Zukunft?
"Nun ja … Ich habe das Gefühl … hm … Die Jahre vergehen, aber ich habe das Gefühl, ich bin jetzt angekommen."
"Das habe ich gemerkt. Die Jahre unseres Zusammenlebens werden also unsere Jugend gewesen sein: Du bist gereist, und ich bin daheim geblieben. Du bist in einem Zug gesessen, aus dem du nie ausgestiegen bist, und ich bin auf dem Bahnsteig zurückgeblieben."
"Aber der Zug fuhr, oder?"
"Natürlich, und zwar ziemlich schnell. Und als du weg warst, hat sich auch mein Bahnsteig in Bewegung gesetzt."
"Und wohin fuhr mein Zug deiner Meinung nach?"
"In die Zukunft, ist doch klar! Erinnerst du dich nicht mehr? Deine ganze Kraft, deine ganze Aufmerksamkeit war auf die Zukunft gerichtet: deine künftige Stellung, deine künftige Anerkennung, die Freiheit, die dir deine künftige Stellung und deine künftige Anerkennung verschaffen würden."
"Ich war also nie da?"
"Ich kannte dich nur hinter der Scheibe dieses Zugs."
"Und ich bin nie ausgestiegen?"
"Äußerst selten…."
"Dann war ich also unerträglich?"
"Schlimmer noch. Verstehst du meine Frage? Ich würde gerne wissen: Wie sieht die Zukunft aus? War sie es wert, dass du gegenüber jeder Gegenwart so verächtlich warst, angefangen bei der Gegenwart mit mir? Und jetzt, wo du dein Ziel erreicht hast, wie fühlst du dich dort?"
"Im Ernst?"
"Im Ernst."
"Sehr gut."
[...]
Ich hatte begriffen, dass jeder Mensch ein Gebiet der Zeit bewohnt und ihm nie entkommen kann. Manche Menschen leben in der fortdauernden Vergangenheit, es sind die mit der geringsten Lebenslust: Sehnsucht schadet dem Verlangen. Andere leben in der abgeschlossenen Vergangenheit: Sie brechen mit allem und jedem, keiner weiß, warum und wieso, vielleicht allein um der Freude willen, das Messer schneiden zu hören. Wieder andere Menschen sind imstande, in der Gegenwart zu leben: Mit ihnen kommt man am leichtesten aus, weil sie mit beiden Beinen im Leben stehen. Sie besitzen jene Möglichkeit, die man für banal und natürlich halten könnte, während sie in Wirklichkeit eine Seltenheit ist: die Höflichkeit da zu sein. Sie sind da, wenn sie sprechen, da, wenn sie ein Gericht kosten, und da, wenn sie in Wut geraten, da, und nicht woanders, wenn sie lieben. Und ich? War ich jetzt bereit für die Gegenwart, nachdem ich so lange in der Zukunft gelebt hatte?


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