den Augenblick erkennen, den Moment erleben

15. Mai 2017

Das Wunder funktioniert.


Nachdem mir Robert Seethalers Romane Der Trafikant und Ein ganzes Leben so unfassbar gut gefielen – sie sind zeitgleich lakonisch, lebensbejahend und haben so eine eigentümliche Komik – bestellte ich einen weiteren Roman. Jetzt wirds ernst ist ein wunderbarer Titel, um einem Jungen beim Erwachsenwerden über die Schulter zu schauen.

Der Protagonist ist ein stark in sich gekehrter Junge, der sich in der Welt zurechtfinden muss. Auf seinem Weg begleiten ihn sein bester Freund und sein Vater. Die Mutter verstarb früh. Doch nicht der herbe Verlust machte ihn zu einem Sonderling. Von Beginn an hatte er seinen eigenen Kopf, den keiner so richtig verstand.

Seethaler nimmt uns mit  auf den Stationen des Erwachsenwerdens und gewährt tiefe Einblicke in das chaotische Innenleben dieses Jungen. Er wird Halbweise, findet einen besten Freund, prügelt sich, verliebt sich und fragt sich, was er mit seinem Leben anstellen will.

Und dann wird es tatsächlich sehr ernst. Er beschließt, Schauspieler zu werden. Er, der eigentlich kaum Talent besitzt. Doch sein Wille und seine Liebe zur klassischen Literatur sind so groß, dass er mit allem, was ihn hindert, aufhört und in einem kleinen Theater Schauspielunterricht nimmt.

"Jeden Tag um zehn Uhr vormittags hatte ich im Theater zu erscheinen. Auf keinen Fall vorher. Meistens saßen Janos und Irina schon an einem der Tischchen im Foyer und starrten schweigend in ihre Kaffeetassen. Tiefe Falten, schwere Glieder, runde Rücken, Augenringe, so breit und schwarz wie Autoreifen. Niemals, auf keinen Fall, unter keinen Umständen durfte man die beiden jetzt ansprechen. Das tat ich auch nicht. Stattdessen nutzte ich diese morgendliche Übergangszeit zwischen Tod und Leben, um das Theater zu erkunden. Den kleinen Gang hinter der Garderobennische hatte ich ja schon kennengelernt. Er führte direkt zu einer der beiden Seitengassen neben der Bühne. Alles war schwarz: die grob verputzten Ziegelwände, die schrägen Seitenvorhänge, die Haken und Verstrebungen an der Decke, der weich gummierte Läufer am Boden, der jedes Schrittgeräusch schluckte. An den hinteren Enden der Gassen gelangte man über schwere Metalltüren in die Garderobenräume. Frauen und Männer getrennt, jeweils drei Stühle vor hohen, mit kleinen Glühbirnen umrahmten Schminkspiegeln. Überall lagen und standen Pinselchen, Bürstchen, Tiegelchen, Tuben, Dosen und Töpfe. In einer Ecke lagen ein paar geköpfte Champagnerflaschen, daneben ein Haufen Dreckwäsche. Von einem hohen Wandregal starrten etwa zwei Dutzend perückenbestückter Holzköpfe in den Raum. Drei weitere Türen führten zur Bühnenwerkstatt, zur Schneiderei und zu einer Art Aufenthaltsraum, einem winzigen Zimmerchen, dessen einziger Einrichtungsgegenstand ein knarrendes Sofa mit zerschlissener Wolldecke war. Fast im ganzen Theater herrsche ein unfassbares Durcheinander, und über allem lag dieser spezielle Geruch, ein Gemisch aus Holz, Farbe, Kleister, Stoff, Schweiß, Puder, Schminke, Geilheit und Angst.Ungefähr um halb elf begannen Janos und Irina draußen im Foyer aus ihrer morgendlichen Halberstarrung zu erwachen. Die Augenringe lösten sich auf, die Gesichter bekamen Farbe, die Blicke lösten sich von den Kaffeetassen, die Köpfe hoben sich schwerfällig. Es war, als ob das Leben jeden Morgen auf Neue in die beiden Körper zurückkehren müsste. Ein mühsamer und schmerzhafter Prozess."

Die Magie, die sich in und hinter einem Theater verbirgt, zieht den Jungen stark an. Er arbeitet hart an sich und versteht nach und nach, was es bedeutet, ein Schauspieler zu sein. Auch hier gibt es wichtige Stationen seiner Laufbahn: sein erster Auftritt auf der Theaterbühne und eine kleine Rolle bei einem Filmdreh.

In Allem zieht sich der leicht sarkastische Ton Seethalers durch. Der Junge wird trotz seines skurrilen Charakters zum Sympathieträger und man wünscht ihm, sein Glück in der Welt zu finden. Das Zerrissensein, der Sturm und Drang, das Wollen und nicht Können, das wird großartig verpackt. Mir gefiel das Eintauchen in eine andere Welt, in Denkweisen, die mir so nicht bekannt waren.

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