den Augenblick erkennen, den Moment erleben

6. April 2017

Wie eine Französin sein.



Alex Capus fängt so nüchtern und ironisch zugleich Stimmungen ein wie kaum ein anderer. Bisher habe ich drei Romane von ihm gelesen, zwei weitere liegen noch auf meinem Lesestapel und ich bin begeistert. In seinem neusten Roman Das Leben ist gut (ich erzählte davon hier) lässt er seinen Protagonisten Max die abstrusesten Gedankengänge durchschreiten. Weil seine Ehefrau nun die erste Woche in Paris an der Sorbonne lehrt und diese Veränderung für ihr Eheleben eine ganz bedeutsame ist, denkt Max darüber nach, wie es seiner Ehefrau denn gerade geht.

„Ich stelle mir vor, wie sie sich am Hauptportal ihres Bürogebäudes den Kopf anstößt, weil der Pförtner die gläserne Tür Punkt neun Uhr aufschließt und gewiss nicht achtzehn Minuten früher wegen irgendeiner Ausländerin, die sich um die offiziellen Öffnungszeiten foutiert und meint, es mache ihm Eindruck, wenn sie hinter dem Glas winkt und umherhüpft wie ein Hampelmann. Ich stelle mir Tinas vergebliches Pantomimespiel vor, das die Öffnung der Tür eher zusätzlich behindert als befördert, und wie sie nach kurzer Zeit kapituliert und sich um die Ecke in eine Bar zurückzieht, um angestrengt beiläufig einen Kaffee zu bestellen in der immer wieder enttäuschten Hoffnung, der Kellner möge ihren Akzent nicht bemerken und sie auf Französisch wie eine Einheimische anschnauzen, statt sie mit charmant gemeintem Trümmerenglisch als Ausländerin zu entlarven; denn im Grunde ihres Herzens, das ist wissenschaftlich erwiesen, möchte jede Frau eine Französin sein. Zumindest einen Tag lang. Bis sie wüsste, wie sich das anfühlt. Und dann nur noch so aussehen."

Alex Capus, Das Leben ist gut

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