den Augenblick erkennen, den Moment erleben

24. April 2017

Das Glück, lernen zu dürfen.


Da sitzt man nach einem halben Jahr Pause auf einem knarzenden, alten Holzstuhl in einem Bürogebäude, das nicht mehr seine ursprüngliche Aufgabe erfüllt, sondern von Bücher verschlingenden oder gelangweilten Studenten bevölkert wird. Der Seminarraum hat bereits seine besten Tage hinter sich. Es ist stickig, die Heizung arbeitet auf Hochtouren und auf den Stühlen sitzen vereinzelt Grüppchen. Einige starren auf ihr Handy, wischen Bilder oder lesen ihr gelbes Buch. Ansonsten ist es still im Raum.

Es knarzt.

Es sind vornehmlich Studentinnen in der kleinen Runde. Im Kollegium witzelt man darüber, ob die Frauenquote im Studiengang nun bei 92 oder 95 Prozent liege. Aber auch ein paar Herren hat es hierhin verschlagen. Ich mutmaße, dass es am Seminarthema liegt. Vielleicht aber auch am Dozenten, der zehn Minuten zu spät kommt und dann in seiner saloppen Art den Semesterplan durchgeht.

Etwas gelangweilt sitze ich auf dem Stuhl, der bei der nächsten Bewegung wieder knarzt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich höre, welche Anforderung an die Studierenden gestellt werden. Mir machen Dozenten keine Angst, ich habe bereits unzählige Referate gehalten und ich kann meine Lesegeschwindigkeit einschätzen. Meine Kommilitonen sind zum größten Teil im zweiten Semester. Sie sind euphorisch, knallen sich den Stundenplan mit Veranstaltungen zu, klagen über das harte WG-Leben in der Fünfer-WG und erzählen voller Empörung über "die übermotivierte Deutschlehrerin, die im Deutsch-LK Woyzeck ganz falsch interpretiert" habe. Man sieht ihnen noch das junge Alter an, die weichen Gesichtszüge weisen darauf hin und das Kichern, wenn sie von der Eröffnungsparty und dem kostenlosen Wein sprechen.

Ich sitze zwischen den Gelangweilten und Übermotivierten. Die Formalia halte ich in meinem schwarzroten Notizbuch fest und lese mir langsam das Semesterprogramm durch. Baudelaire, Poe, King, Sommer. Als der Dozent die einzelnen Themen und Schwerpunkte durchgeht, werde ich von einem Glücksgefühl durchströmt. Wie immer zum Semesterbeginn. Mir wird bewusst, dass es ein Geschenk ist, studieren zu können. Es ist ein großes Glück, lernen zu dürfen. Dass ich mir die Zeit nehmen darf, um mich in ein Thema einzulesen, dieses zu bearbeiten und dann einer Gruppe vorzustellen. Dass ich mich mit Literatur (und Bildender Kunst) beschäftige und damit in einem Diskurs mit anderen Studierenden und Lehrenden stehe, ist großartig. Ich habe ein Hochgefühl, weil ich Bildung genießen darf.

Es gibt vieles im Leben, dass wichtig(er) ist. Vieles steht auf der Prioritätenskala sehr weit oben. Familie, Gesundheit zum Beispiel.

Schon am Abend setze ich mich an den Laptop und recherchiere den Onlinekatalog nach möglicher Literatur für mein erstes Referat ab. Zwischen "Warum bin ich so doof und melde mich für das erste Referat in zwei Wochen?!" bis hin zu "Ich will ALLES von Baudelaire lesen. Und in welcher Beziehung stand eigentlich Mallarmé zu ihm? Und Manet?" habe ich jede Gefühlsregung durch. Ich habe mich für das Thema entschieden, weil ich es sehr interessant finde, nicht, weil es das leichteste oder organisatorisch sinnvollste Thema ist.

Baudelaire und Poe. Auf der Suche nach Literatur werden mir die Grenzen meines Wissens bewusst. Es gibt so Vieles, dass ich mir noch anlesen könnte, weil es in Beziehung zu meiner Aufgabenstellung steht. Die Zeit und der Umfang der Leistung erfordern diese Kenntnisse nicht, aber es kribbelt in den Fingern und im Geist. Natürlich werde ich niemals all das Wissen anhäufen können, alle Quellen gelesen haben können. Aber ich habe wirklich ein großes Verlangen danach, die Zeit zu haben, um die Beschränkungen aufzuheben, Bücher zu lesen, den historischen Kontext herzustellen und Verbindungen aufzudecken.

Kommentare:

  1. Wie schön, deine Zeilen zu lesen. Genau so habe ich es auch gesehen, als ich studiert habe. Ich war glücklich, dieses Privileg genießen zu dürfen und bin es heute noch. Mein Wunsch wäre, genau dies weiter zu geben; dieses Gefühl, wenn ich meine Schüler "in die Welt entlasse". Nach dem Abitur...

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    1. Ich danke dir für deine Worte! Genau, es ist ein Privileg. Bei vielen ist das vielleicht ganz selbstverständlich, dass sie Bildung genießen dürfen und dass die äußeren Umstände stimmen, für mich ist es aber immer noch ein Vorrecht (das ich mir auch erarbeiten musste). Dein Wunsch ist großartig und ich bin mir sicher, dass es auch gelingen wird.
      Alles Liebe!

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