den Augenblick erkennen, den Moment erleben

28. Februar 2017

Unmögliche Vorstellungen beim Schuhekauf



"Tina und ihre Schuhe. Noch nie hat sie ein Paar Schuhe besessen, mit dem sie wirklich glücklich gewesen wäre. All die Stiefel und Stiefeletten, die sie über die Jahre und Jahrzehnte gekauft hat, die Bergschuhe und Zehensandalen, Riemchenpumps und Ballerinas, die Trekkingboots und Joggingschuhe, Sneakers und Stilettos, Loafers und Baskets - kein Schuh auf Gottes weitem Erdenrund hat jemals ihren Ansprüchen genügen können. Die Geschichte ihrer Schuhkäufe ist eine einzige endlose Abfolge verratener Hoffnungen und enttäuschter Erwartungen. 

Wenn zum Beispiel die kalte Jahreszeit naht und Tina ins Auge fasst, ein Paar Winterstiefel zu kaufen, hat sie sehr präzise Vorstellungen von dem Schuhwerk ihrer Wünsche und ist willens, dafür gutes Geld auszulegen. Der Stiefel soll gleichzeitig robust und elegant sein, und er soll ihre Füße beim Schneespaziergang schön warm und trocken halten, im Büro dann aber fein, leicht und luftig sein wie eine Hausschuh. Der Stiefelschaft soll die Wade und die Fessel satt umfassen, damit die Länge ihrer schlanken Bein zu Meldung kommt, gleichzeitig aber auch weit und bequem sein und sie keinesfalls einengen. Die Sohle soll aus rutschfestem Kautschuk sein und ein kräftiges Profil aufweisen, aber auch aus glattem Leder und für die Tanzfläche geeignet sein. Und was die Farbe betrifft, so sollte der Stiefel schwarz sein, aber auch rehbraun. Und an manchen Tagen vielleicht rot. Oder grün."

aus Das Leben ist gut von Alex Capus

Ich musste herzlich lachen, als ich diese Passage bei meiner abendlichen Lektüre las. Ich fühlte mich ertappt, denn ich suche auch immer das Unmögliche. Und ich will erst gar nicht anfangen, die Geschichte der oben gezeigten Schuhe zu erzählen.

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