den Augenblick erkennen, den Moment erleben

25. Februar 2017

gelesen: Das Leben ist gut von Alex Capus


Seit ich zum ersten Mal Paris, ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway las, war ich fasziniert davon, dass es glücken kann, mit nur wenigen präzisen Worten Stimmungen auszudrücken, die manchmal vermeintlich so viel mehr Worte benötigen. Keine Schnörkel, jedes Wort erhält Gewicht und dennoch muss man beim Lesen nicht jede Zeile überdenken. Auf einer ganz ihm eigenen Weise gelingt es auch Alex Capus, alltäglichen Sachverhalten Bedeutung zu verleihen.

„Ich kann sie verstehen. Sie muss wieder mal weg aus diesem Kaff. Bei mir ist das anders. Ich könnte von hier weg, wenn ich wollte, aber ich muss nicht. Vielleicht werde ich es eines Tages wollen, dann werde ich es tun. Aber bis auf weiteres muss ich nicht."

In seinem neusten Roman Das Leben ist gut erzählt Capus von Max, einem Familienvater und Barbesitzer. Es ist eine bedeutsame bedeutungslose Woche in seinem Leben. Seine Frau Tina geht für einen Job an der Sorbonne für ein paar Monate nach Paris. Das Ehepaar ist zum ersten Mal für längere Zeit getrennt, wobei die Frau an den Wochenenden nach Hause in die Schweiz fährt. Max wird also damit konfrontiert, dass er zum ersten Mal morgens aufwacht und seine Frau nicht neben ihm liegt.

In seinem Alltag geschehen immer wieder die gleichen Dinge. Er frühstückt mit seinen Söhnen, bringt Pfandflaschen weg, repariert dies und das in der Sevilla Bar und öffnet sie gegen 17 Uhr. Capus beschreibt das Alltägliche und macht es dadurch besonders.

„Frühmorgens ist es angenehm kühl und still in der Bar. Ich liebe den Augenblick, in dem ich den Schlüssel drehe, die Tür aufstoße und dieser freundliche, vertraute Ort sich mir öffnet, der in der Nacht ein paar Stunden ruhen konnte. Das Eichenparkett glänzt im Dämmerlicht und duftet nach Wachs. Der Billardtisch schaut mich erwartungsvoll an, der blankpolierte Tresen lächelt. In der Ecke rumpelt die Eismaschine, die Kaffeemaschine schläft noch, im Keller brummen die Kühlaggregate. Die Toiletten sind gereinigt, die Seifenspender und Handtuchhalter aufgefüllt, überall duftet es nach Putzmitteln.Ich hole die Kisten mit den leeren Schnaps- und Weinflaschen aus dem Keller und stelle sie auf meinen Handkarren. Die Flaschen stoßen aneinander und klingeln wie die Glocken einer Ziegenherde, als ich den Karren über den Bordstein hinunter auf die Unterführungsstraße stoße."

Max muss in dieser Woche jeden Abend in seiner Bar arbeiten, weil seine Mitarbeiter Urlaub haben. Er analysiert seine Gäste und beschreibt, welche Typen in seine Bar kommen. [Alex Capus ist selbst Besitzer einer Bar in der Schweiz.] Es gibt diejenigen, die immer nur einen Tee bestellen und dann ewig in der Ecke sitzen bleiben, die Gäste, die kurz vor dem Zapfenstreich noch in die Bar kommen und wortlos ihr Bier trinken oder diejenigen, die ein Glas nach dem anderen runterstürzen.

Die Routine von Max wird in dieser Woche jedoch von zwei Geschichten unterbrochen. Die Begegnung mit seinem Freund Miguel, der seinen Toro wieder zurück haben möchte, wirft die Frage nach Freundschaft auf. Stolz und Scham liegen nah beieinander und wenn man einem Freund helfen möchte, macht man das dann aus gutem Willen oder um der Anerkennung willen? Auch die Begegnung mit den zwei älteren Gästen Toni, seinem ehemaligen Lehrer und Tom Stark aus Amerika zeigt, wie Freundschaften funktionieren können. Gleichzeitig öffnet der interessante Tom eine Perspektive auf die "ferne" Welt, während Max beschaulich in seiner Heimat verbleibt. Denn Capus thematisiert auch, wie das Selbstbewusstsein eines (typischen) Schweizers aussehen mag. Der sich in seinem Land sicher fühlt und der bodenständig ist.

„Manchmal frage ich mich, warum wir so hartnäckig hierbleiben - was es sein mag, das uns hier hält. Nichts Besonders vermutlich. Vielleicht sind wir nur deswegen nie fortgegangen, weil der Leidensdruck nie groß genug war; im reichsten und friedfertigsten Land der Welt stellt es keine allzu große Herausforderung dar, ein einigermaßen positives Lebensgefühl zu entwickeln. Und weshalb sollte man die Welt erobern wollen, wenn easyJet einem sowieso jede nur denkbare Weltgegend zum Preis von drei oder vier Stundenlöhnen zu Füßen legt? Vielleicht sind auch deshalb nie nach Zürich, New York oder Berlin gezogen, weil wir keinen koffeinfreien Latte macchiato mit Sojamilch trinken müssen, nicht verrückt nach Rucolasalat an Balsamico-Dressing sind und nicht unbedingt beim Fernsehen arbeiten wollen. Gewöhnlicher Kaffee reicht vollkommen. Und wenn das Fernsehen etwas will, soll es herkommen. Und vorher bitte anrufen."

Es sind solche Passagen, die mich glücklich machen. Max ist ein zufriedener Mensch, der über sein Handeln und sein Umfeld viel grübelt. Die Gedanken von Max sind amüsant und machen nachdenklich. Sie bringen zur Sprache, was im Alltag oft übersehen wird. Es sind die lebensnahen Themen wie Liebe, Freundschaft und Heimat, die jeden beschäftigen und im alltäglichen Leben Bedeutung haben. 

Für mich zeigt der Roman vor allem eine Geschichte über die Liebe im Alltag. Max liebt seine Frau Tina sehr, mit der er schon über zwanzig Jahre verheiratet ist. Er stellt sie nicht perfekt dar, beschreibt auch ihre Fehler und kleinen Makel, aber immer mit Respekt und einem kleinen Augenzwinkern. Der Roman ist ein Potpourri aus den Erlebnissen einer Arbeitswoche und den Gedanken von Max. Diese schweifen auch gerne mal ab und verlieren sich. Aber nur, um die eigentliche Bedeutung zu verstärken. Gerade diese Gedankengänge finde ich besonders unterhaltsam und erhellend.

„Auf die erste Nacht ohne Tina folgt ein ganz normaler Morgen. Wie schon gestern scheint die Sonne, und wiederum zwitschern die Meisen, wie immer fingern meine Söhne an ihren Handys, und wie stets lese ich Zeitung. man muss realistisch sein, das Leben geht weiter; zumindest bis es vorbei ist. Meine Verdauung funktioniert ordnungsgemäß, ich bin ausgeruht und frei von Schmerzen; ich habe wohlgeratene Söhne, muss mir keine finanziellen Sorgen machen und bin neugierig auf den langen Tag, der vor mir liegt. Alles wie stets. Alles bestens.Ob auch dann alles so weitergehen würde, wenn Tina nicht wiederkäme? Wenn sie von einem Bus überfahren würde? Mit einem anderen Mann davonliefe? Wenn sie nach kurzer, schwerer Krankheit stürbe? Sich einer indischen Psychosekte anschlösse? Auch dann ginge auf meiner Terrasse morgens die Sonne auf und würden die Meisen pfeifen, ich würde irgendwann wieder meine Zeitung lesen und die Söhne würden an ihren Handys fingern. Aber wir waren unglücklich, unser Vertrauen in die Welt wäre erschüttert. Wir würden eine Weile brauchen, um aus dem Nebel herauszufinden, ein paar Wochen oder Monate, vielleicht sogar Jahre, und dann vermutlich feststellen, dass zwar alles noch da ist, der Sonnenaufgang, das Vogelgezwitscher und die Zeitung, aber dass sich alles anders anfühlt."

Das Leben ist gut feiert den Alltag. Denn darin liegt viel Gutes.


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