den Augenblick erkennen, den Moment erleben

19. Februar 2017

Der Weg zum Kindergarten. Das Schöne im Alltäglichen.


Jeden Morgen von Montag bis Freitag machen wir uns gegen halb neun, meistens etwas später, auf den Weg zum Kindergarten. Paul im Kinderwagen, Anton auf dem Kiddyboard und ich die beiden schiebend.

Als wir die Zusage für den Kindergartenplatz bekamen, stöhnte ich innerlich. Wir sind zufrieden mit dem Kindergarten. Doch dieser liegt nicht in der schönsten Ecke unseres Ortes. Ganz in der Nähe ist der Supermarkt mit der kleinsten Auswahl. Eine Apotheke, ein Paketshop und die teuerste und nicht beste Bäckerei liegen nebenan. Als Anton von der Tagesmutter betreut wurde und sie noch nicht in das Reihenhäuschen gezogen war, musste ich täglich den selben Weg bestreiten. Deshalb wusste ich, welche Straßen und Häuser ich von nun an bis zur Grundschule jeden Tag sehen musste.

Der rechte Gehweg gleicht einem Minenfeld. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum die Hundebesitzer genau diese Seite der Straße aussuchen, auf der sich ihre Vierbeiner erleichtern können. Auf dieser Gehwegsseite kommt man an zwei Schulen vorbei, an einem Sportfeld und einem sehr einfach gehaltenen, langweiligen Spielplatz. Es folgen ein paar Wohnhäuser. Ein Boot überwintert im Hof. Das war's.

Der linke Gehweg ist noch unspektakulärer. Man läuft die ganze Zeit an einer Mauer entlang, dann kommt die Einfahrt einer großen Firma und der Zaun zu den davorliegenden Parkplätzen.

Zehn bis fünfzehn Minuten dauert es, bis wir im Kindergarten angekommen sind. Wir können auch zwei Haltestellen mit dem Bus fahren und anschließend etwas laufen. Aber meistens verpassen wir den Bus. Denn der fährt nur selten und kommt dann häufig zu spät. Wir laufen also.


Wenn man einen so langweiligen Tag wieder und wieder bestreitet, fallen einem nach und nach die Kleinigkeiten auf, die ihn vielleicht doch besonders machen können. So reihen sich an der Straße und auf dem Firmenparkplatz so viele Autos, dass Anton und ich alle VWs, Audis, Mercedes und Opels zählen. Dadurch hat Anton die Automarken gelernt. (Darauf kann man nicht stolz sein, aber wir müssen uns ja die Zeit vertreiben...) Anton fragt nun bei jedem Auto, das er noch nicht kennt: "Und was ist das?"

Antons Lieblingsauto ist ein Mini. Er bekam einmal ein Überraschungsei, in dem ein kleiner dunkelgrüner Mini steckte. Seitdem sehen wir ALLE Minis dieser Welt. Auf unserem Weg stehen regelmäßig ein roter Mini mit weißem Dach, ein schwarzer und ein weißer mit gestreiften Seitenspiegeln. Wenn einer fehlt, sagt Anton: "Schade." Wenn noch ein weiterer Mini an uns vorbeifährt: "Mama, noch ein Mini. Ein silberner Mini. Wir haben Glück."

In der Seitenstraße, die zum Kindergarten führt, parken zwei Campingmobile. Irgendwann bemerkte Anton, dass in einem Wagen eine solarbetriebene Wackelfigur steht. Und dann sahen wir eine zweite in einem Nissan. Wir bleiben nun jeden Tag an diesen Hula-Mädchen in blau und gelb stehen und betrachten sie eine Weile.

Und noch einmal Autos und Anton. Jedes Nummernschild wird inspiziert. "Oh, guck Mama, ein B. Ein B wie Betti. Und ein T. Ein T wie [bei] Anton!"

An einem Morgen fliegt ein großer Vogel an uns vorbei, direkt auf ein Dach zu. Es ist ein Kranich, der majestätisch auf dem Dach sitzen bleibt. Die morgendliche Wintersonne scheint über den Dächern und die Szene wirkt ganz surreal.


Dieser Weg zum Kindergarten ist für mich ganz besonders geworden. Wenn wir im Eilschritt den Weg entlang laufen, Anton mich vollquasselt und wir uns den Sonnenaufgang, jeden Vogel und jedes Auto ansehen, wenn man im Laufe der Monate merkt, wie sich die wenige Natur verändert und man jede Witterung auf sich nimmt, dann wird einem bewusst, wie gut man es hat. Der Kopf wird frei und ich habe Energie für den Tag.


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