den Augenblick erkennen, den Moment erleben

7. Januar 2017

gelesen: Meine geniale Freundin von Elena Ferrante


Irgendwann im letzten Jahr überkam mich eine große Lust, wieder mit dem Lesen anzufangen. Durch das Studium und auch das Leben, las ich immer weniger Bücher aus Interesse. Die Lektüre für die Uni war meist auch sehr spannend, aber mir fehlte es, einfach nur so, aus reinem Vergnügen (vor allem) Romane zu lesen.

Mein Ziel habe ich erreicht. Im letzten Jahr hatte ich eigentlich ständig ein Buch zur Hand und es gab nur wenige Pausen dazwischen. Leicht fiel es mir natürlich auch dadurch, dass ich im Wintersemester nicht zur Uni ging und mir vermehrt wieder Bücher selbst kaufte oder die meines Freundes las.

Zu Weihnachten bekam ich gleich zwei Mal Elena Ferrantes Roman Meine geniale Freundin geschenkt. Es ist der erste Band einer vierteiligen Neopolitanischen Saga und schon am ersten Abend war ich der Geschichte völlig verfallen.


In vielen Aussagen von Elena, der Ich-Erzählerin des Romans, fand sich mein 13-Jähriges Ich wieder. Im alltäglichen Leben denke ich nicht mehr so oft an meine Teenyzeit zurück, doch die Erzählungen erinnerten mich an all die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Man will dazugehören, es gibt immer jemanden, der origineller, hübscher und besser in der Schule ist als du. Und erst im Laufe der Jahre lernt man, welchen Platz man in der Gesellschaft einnimmt. Dass man seine eigenen Qualitäten hat. Man erkennt, dass man diesen Platz zu Teilen selbst bestimmen oder zumindest die Richtung angeben kann. Gerade weil Elena immer wieder hin- und hergerissen ist zwischen größter Bewunderung für ihre Freundin und bewusster Distanz zu ihr zeigt sich der innere Konflikt der heranwachsenden Protagonistin. Die Mädchen erleben schwierige Zeiten, in denen sie sich der gesellschaftlichen Ordnung häufig unterordnen müssen und nur wenig Spielraum für eigene Ideen bleibt.

Mich beeindruckte auch, wie die Gesellschaft dargestellt wird. Ferrante führt nicht nur die Hauptfigur ein, sondern gibt einen sehr lebhaften Einblick in das Leben einiger Familien im Rione. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie zwei junge Mädchen in dem ärmlichen Arbeiterviertel in den fünfziger Jahren in Neapel leben, wie roh die meisten Beziehungen funktionieren und warum sich inmitten dieser Klischees und dieser Härte die beiden intelligenten Mädchen fehl am Platz fühlen. Beide finden einen Weg, auszubrechen und man merkt dennoch, dass diese Wege keine endgültigen Lösungen bieten.


"Überglücklich verließ ich das Geschäft. Die Schreibwarenhändlerin wollte mich dafür bezahlen - gut bezahlen -, dass ich den ganzen Juli und die ersten zehn Tage im August mit ihren drei Mädchen ans Meer fuhr. Meer, Sonne und Geld! Ich sollte jeden Tag zu einer Badestelle zwischen Mergellina und Posillipo fahren, ich kannte sie nicht, sie hatte einen ausländischen Namen, Sea Garden. Aufgeregt ging ich nach Hause, als hätte mein Leben eine entscheidende Wendung genommen. Ich würde Geld für meine Eltern verdienen, würde schwimmen gehen, und meine Haut würde in der Sonne glatt und goldbraun werden wie im vergangenen Sommer auf Ischia. 'Wie herrlich doch alles ist', dachte ich, 'wenn der Tag schön ist und alles Gute nur auf dich zu warten scheint.'"


Dieses Buch erzählt nicht nur die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen, von Familienstreitigkeiten, Schulsystemen, von der ersten Liebe und dem Erwachsenwerden, es übt mit seinen Einblicken in den Alltag und der Sprache Kritik an der Nachkriegsgesellschaft in Italien. Mich hat das Leben dieser Figuren ergriffen und ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Der zweite Band kommt am 10.01.2017 heraus und ich habe ihn bereits im Buchladen entdeckt.

Habt ihr Meine geniale Freundin bereits gelesen? Was denkt ihr darüber? Und lest ihr auch den zweiten Band?

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