den Augenblick erkennen, den Moment erleben

9. Dezember 2016

Heimat


Die meisten würden ihre Heimat als diesen Ort oder die Gegend bezeichnen, in der sie aufgewachsen sind. Aber mir fällt das schwer. Mit nur wenigen Jahren bin ich mit meiner Familie in ein kleines Dorf im Spessart gezogen. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen und habe dort meine Grundschulzeit erlebt. Ich hatte dort eine beste Freundin, unsere Nachbarin, bis wir auf unterschiedliche Schulen gegangen sind. Zu den besten Erinnerungen an dieses Dorf zählen der Weg in den Wald, die Kirchturmglocken und die Aussicht auf das Tal. In der Kindheit war das Dorf ein schöner Ort zum Leben, aber in den Jugendjahren sehnte ich mich nach der großen, weiten Welt. Es war so schwierig, ohne Auto rauszukommen und ich war froh, dass ich meine Freunde wenigstens am Wochenende regelmäßig sehen konnte.

Erst, als ich mit 19 auszog, verließ ich das Dorf und zog in die Stadt, in der ich geboren wurde und in der ich auch arbeitete. Die große Stadt (für ein Dorfkind). In Aschaffenburg lebte ich nur wenige Jahre, hatte dort mein Stammcafé und kannte ein paar schöne Ecken. Aber es zog mich fort nach Mainz.

Anfangs war mir die Stadt eher suspekt, ich fand sie unschön und mir fehlte das Großstädtische. Aber mit jedem Jahr und mit jeder Bekanntschaft und Freundschaft lernte ich, die Stadt zu lieben. Drei Jahre verbrachte ich in einem der hippen Stadtteile von Mainz. In dieser Zeit gab es in der Kreativ- und Gastroszene einen riesigen Aufschwung und sehr viel Bewegung. Hier habe ich mein Abitur nachgeholt, gearbeitet, mit dem Studium angefangen, habe in drei verschiedenen Wohnungen gewohnt, Freunde gewonnen, mich von einem Mann getrennt und meinen Freund kennengelernt.

Nach etwas mehr als drei Jahren bin ich auf die andere Rheinseite gezogen. Ich hätte mir niemals, wirklich niemals vorstellen können, dass ich mich in meiner Nachbarschaft irgendwann so wohl fühlen würde. Diese Rheinseite hat nämlich den Ruf eines Problembezirks. Es gibt ein paar hübsche Häuser aus der Jahrhundertwende, aber ansonsten ist es hier recht trostlos. (Die wenigen Vorteile: Mietpreise, Anbindung nach Wiesbaden und Frankfurt, der schönste Blick auf die untergehende Sonne vom Kasteler Strand aus.)

Dieser Vorort steht aber für meine Familie. Hier sind wir als Familie zusammengewachsen. Ich habe hochschwanger die Möbel aufgebaut und habe das Kinderzimmer eingerichtet. Wir haben hier unseren tollen Kinderarzt, eine perfekte Tagesmutter und einen guten Kindergarten. Hier werden beide Jungs groß, rennen durch den Garten und machen Freunde.

Sieben Umzüge in vier Jahren und dabei bin ich gar nicht so weit durch Deutschland gekommen. Meine Heimat finde ich nicht in dem Dorf, in dem ich meine Kindheitsjahre verbracht habe, auch nicht in der Stadt, in der ich erwachsen wurde. Ich fühle meine Heimat in der Mainzer Umgebung. Bei den unkomplizierten Menschen, bei meinen Freunden und meiner eigenen Familie. Meine Heimat ist gerade hier.

1 Kommentar:

  1. So viele Umzüge gehen ziemlich auf die Kräfte, das kennen wir auch gut.

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