den Augenblick erkennen, den Moment erleben

11. Dezember 2015

ein Spaziergang zur Mathildenhöhe in Darmstadt


Eine Liebe zur Stadt

Eigentlich muss ich an dieser Stelle gar nicht erwähnen, wie gerne ich in Darmstadt bin. Schon einige Male schrieb ich von diesem Phänomen. Es hängt garantiert nicht damit zusammen, dass ich in meiner Kindheit immer im Auto durch die Stadt gefahren bin, wenn wir unsere Verwandtschaft in Frankenthal besuchten. Sicher nicht. Sondern vielmehr damit, dass ich Darmstadt mit einer ganz besonderen Zeit verbinde, mit einem tollen Mann, einem größer werdenden Bauch und einer so schönen Wohnung, in der ich die leckerste Pasta gegessen habe. Wenn ich Darmstadt wieder einen Besuch abstatte, schwingen diese Erinnerungen immer mit. Bekannte Ecken, an denen man schöne Momente erlebt hat, liegen neben Orten, die es noch zu entdecken gilt und natürlich gibt es dann auch Gegenden, die einfach hässlich unschön sind.

Ich liebe es, dass Darmstadt von einer ganz wunderbaren Gründerzeit-Architektur geprägt ist und sich dazwischen aber immer wieder Highlights der Baukunst finden lassen. Begeistert bin ich auch von den zahlreichen und sehr schönen Parkanlagen. Ich habe bisher keinen besseren Schuster gefunden als meinen Stiefelretter in der Wilhelminenstraße. Die Geschäfte der Innenstadt haben eine größere Verkaufsfläche und eine bessere Vielfalt als in Mainz und ich werde eigentlich immer fündig, wenn ich nach etwas Konkretem suche. Außerdem gibt es zwei Marktschreier, die frisches Obst am Abend preiswert loswerden wollen. Das Hessische Landesmuseum hat eine umfassende Sammlung und ein abwechslungsreiches Programm. Auch das Schloss hat eine spannende Geschichte. Das Martinsviertel hat eine ganz besondere Atmosphäre und hat mich vom ersten Augenblick in Beschlag genommen.

Letzte Woche, als Anton und ich wieder für einen Nachmittag da waren, bedauerte ich beinahe, dass wir vor zwei Jahren nicht in die schöne Altbauwohnung meines Freundes gezogen sind. Diese Wohnung hatte eine ganz besondere Aura und das Martinsviertel mit seinen Geschäften, Cafés, den Menschen und seiner Architektur zieht mich fast magisch an. Letztlich war es aber auf jeden Fall die richtige Entscheidung, in Mainz zu bleiben, nicht nur wegen der Freunde und der Universität.


Ein magischer Ort in Darmstadt

Darmstadt hat also Orte, die mich immer ein wenig verzaubern. Einer dieser Orte ist die Mathildenhöhe und ich möchte euch auf einen Spaziergang in diese schöne Ecke Darmstadts mitnehmen.

Vom Marktplatz, an dem gerade ein großer Weihnachtsmarkt stattfindet, kann man es sich leicht machen und an der Haltestelle Schloss die Buslinie F nehmen. Nach eine vierminütigen Busfahrt ist man schon da. Oder man läuft die Strecke zur höchsten Erhebung der Innenstadt. Dafür geht man am Schloss vorbei und läuft die B26 entlang, bis man zum Darmstadtium, dem Kongresszentrum, gelangt.

Das Residenzschloss erinnert mich immer ein wenig an das Schloss Johannisburg aus meiner ursprünglichen Heimatstadt Aschaffenburg. Sie ist nämlich von der Bausubstanz (roter Sandstein) und dem Grundriss (quadratische Anlage) sehr ähnlich. Spannend ist aber vor allem die Baugeschichte. Denn innerhalb von mehreren Jahrhunderten wurde an dem Schloss im Barock und in der Renaissance immer wieder gebaut und das erkennt man auch von außen. Die Front, die man vom Marktplatz aus sieht ist beispielsweise aus dem Barock.

Am Darmstadtium blickt man auch auf das klassizistisch anmutende Hessische Staatsarchiv, das Anfang des 19. Jahrhunderts von Georg Moller errichtet wurde. Moller ist einer der wichtigsten Architekten für Darmstadt, weil er noch die Ludwigssäule, die St.-Ludwigs-Kirche und das Moller-Haus errichten ließ. Und auch für Mainz ist er von Bedeutung: das Staatstheater wurde von ihm entworfen.

Wir erhaschen noch einen Blick auf das Hessische Landesmuseum und biegen dann beim Darmstadtium rechts in die Alexanderstraße ein. Die Alexanderstraße und auch weiter oben die Magdalenenstraße (die 300 m weiter links reinführt) sind ebenfalls stadtgeschichtlich interessant. Hier wurden in zwei Bauabschnitten (ab 1590 und ab 1672) Häuser nach einheitlichem Plan gebaut. Das heißt, dass die Häuser alle einen einheitlichen Grundriss, die gleiche Bauweise und ähnliche Fronten haben. Diese Ecke von Darmstadt, die früher die Alte Vorstadt war, ist eines der ersten Beispiele von Städtebau, das landesherrlich verordnet und systematisch geplant wurde. Viele dieser Häuser haben den Zweiten Weltkrieg überstanden und sind somit auch heute auf der rechten Straßenseite zu sehen.

Auf der linken Seite befindet sich die Technische Universität Darmstadt. Dieses Gelände kenne ich in Gänze noch nicht, aber ich war schon in einigen Ecken oder Gebäuden drin. Hier lassen sich prima Fotos schießen, weil es so unterschiedlich interessante Fassaden gibt.

Knapp 150 m weiter mündet die Alexanderstraße in die Dieburger Straße. Wir gehen einfach weiter hoch. Auf der rechten Seite befindet sich das Alice-Hospital, auf der linken ein paar kleine Geschäfte und ein Supermarkt. Nach 350 m kommen wir an der Bushaltestelle Mathildenhöhe an und laufen dann rechts den steilen Berg hinauf. Und diese kleine Straße hält eine kleine Überraschung für uns bereit. Ein großer Gebäudekomplex erstreckt sich auf der linken Seite. Er ist hässlich, monströs und in der Dämmerung fast ein wenig unheimlich. Aber auch sehr spannend. Gegenüber stehen Gründerzeithäuser, die so typisch für das Martinsviertel sind.

Und dann haben wir es geschafft: wir sind auf der Mathildenhöhe.


Die Mathildenhöhe: ein facettenreicher Ort

Die Mathildenhöhe ist ein besonders wertvoller und kulturgeschichtlicher Ort. Um 1900 wurde hier eine Künstlerkolonie gegründet. Die 23 Mitglieder sind allesamt Künstler und arbeiteten in den unterschiedlichsten Bereichen. Es gab Architekten, Literaten, Maler, Bildhauer, "Entwerfer für Angewandte Kunst", Goldschmiede und Grafiker. Sie kommen auch aus den unterschiedlichsten Bereichen, wurden ganz verschieden geprägt (u.a. durch die Nabis, einige von ihnen lebten längere Zeit in Paris) und arbeiteten in Darmstadt an einem Gesamtkunstwerk. Ich könnte noch viel mehr über die Künstler erzählen und bin gerade ganz angefixt von dieser Gruppe. Es ist jedes Mal so spannend, in wie weit sich solche Gruppierungen als feste Gruppe einordnen lassen, ob sie sich mit einem Gründungsmanifest konstituierten oder von was die Gruppendynamik geprägt war. Aber diesen kunstgeschichtlichen Diskurs lasse ich hier bleiben und recherchiere weiter.

An diesem Abend spielen sechs alte Männer Boule auf dem Sabaisplatz. Obwohl es noch nicht einmal fünf Uhr ist, dämmert es bereits und diese Szene ist irgendwie magisch. Hinter diesem Platz erstreckt sich der Hochzeitsturm, eines der Wahrzeichen Darmstadts. In diesem Turm kann man tatsächlich noch heiraten. Er hat ein ganz eigentümliches Dach mit einer Fünffingerform und wunderschöne Verzierungen. Gegenüber des Turms und des Ausstellungsgebäudes gibt es einen Platanenhain, der auch ein Café beherbergt. Der Winterpavillon ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet, wir kommen aber leider zu spät und es hat schon geschlossen. Die Anlage ist weitläufig genug und dennoch überschaubar, sodass Anton allein herumlaufen kann. Wir haben wirklich Spaß. Es ist schon fast zu dunkel, um die tollen Details an all den Gebäuden, Skulpturen und Geländer zu erkennen. Deshalb lasse wir das für das nächste Mal und toben noch ein bisschen auf dem Platz vor der russischen Kirche. Goldene Kuppeln schmücken dieses Gebäude und ich würde zu gern hineingehen. Auf dem Gelände findet man außerdem noch viele Künstlerhäuser, das Museum Künstlerkolonie und das Lilienbecken. (Schaut euch auch den Lageplan an, da seht ihr, wie vielfältig die Mathildenhöhe ist.)

Die Bänke laden zum Verweilen ein und nicht nur Anton und ich machen es uns auf der Holzbank bequem, sondern auch ein Pärchen sitzt zur späten Stunde noch da und unterhält sich lange. Die Details, die verloren gehen, weil es einfach schon zu dunkel ist, werden auf unseren nächsten Besuch warten müssen. Aber dennoch ist dieser Ort so magisch, im Hellen und im Dunkeln.


8. Dezember 2015

Dezemberlieblinge


Auch im Dezember gibt es ein paar Dinge, die mich glücklich machen. Manch Altbewährtes und manch Neues geben diesem Monat noch einen gewissen Extra-Glanz. 


Ende September, wenige Tage vor unserem Urlaub auf Kreta, wurde mir das Portemonnaie aus der Kinderwagentasche geklaut. Für diese Dreistigkeit gibt es kaum Worte. So musste auf die Schnelle Ersatz her und ich nutzte einen sehr alten, verschlissenen Geldbeutel. Für mein neues Portemonnaie hatte ich ziemlich konkrete Vorstellungen. Ich hatte Lust auf Farbe, auf bordaeuxrot, er sollte länglich und aus Leder sein, mit genügend Fächern und Taschen, nicht zu viel Schnickschnack haben und beim besten Willen nicht zu viel kosten. In meiner Hand- oder Kinderwagentasche fliegt nämlich alles Mögliche rum, so ein Geldbeutel muss daher eher "robust" sein. Bei einem Einkaufsbummel in Frankfurt fiel mir dieses steingraue Portemonnaie von Liebeskind in die Hände. Ohne, dass ist danach gesucht hätte. Auf die Hälfte reduziert. Aus wunderbar weichem Leder und in der perfekten Größe. Selten stehe ich so schnell an der Kasse. Und ich bin mehr als glücklich über diese fixe Entscheidung.

Ich trage nicht viel Schmuck. Immer diese Kette und meistens Ohrstecker. Ohrhängerchen müssen in der Regel ihr Dasein in einer Schublade fristen, weil sie beliebtes Spielzeug bei kleinen Kindern sind. Nachdem ich die Kette fast ein Jahr lang jeden Tag getragen habe und sie irgendwie zu meinem Glücksbringer geworden ist, wünschte ich mir passende Ohrringe dazu. Gerne auch welche, die man nur an hohen Feiertagen anziehen könnte. Nachdem aber die einzigen Ohrringe, die dazugehörten, ausverkauft waren, da Unikate, fand ich in meinem Schmuckkästchen diese Ohrringe, die ich vor einigen Jahren in Paris kaufte. Und sie passen, fast perfekt und wie füreinander bestimmt. 


Die Beruhigungsmaske von Susanne Kaufmann soll meine gestresste Winterhaut wieder in Balance bringen. Die Textur ist sehr sanft und die Maske fühlt sich wunderbar auf der Haut an. Ich bin auch immer wieder fasziniert, wie schlicht das Design von Susanne Kaufmann gehalten ist und wie es gleichzeitig auf den Punkt genau passt. Ich liebe sie und werde schon bald auf une vie magnifique etwas genauer davon berichten.


Zeit, um Ausstellungen zu besuchen und Bücher zu lesen. Das ist das, was mich glücklich macht. Im Rahmen einer Exkursion stattete ich der Schirn Kunsthalle in Frankfurt wieder einen Besuch ab. Wir durften in der ersten Hälfte der Zeit unabhängig von der Gruppe herumwandern und schauen. Die vielen ausgestellten Arbeiten in der Ausstellung Sturm-Frauen waren beinahe zu viel, um die Räume noch genießen zu können, aber ich habe mir viele Notizen und Fotos gemacht, damit ich sie zu Hause noch einmal "bearbeiten" kann. Fasziniert haben mich zum Beispiel die Musterentwürfe von Sonia Delaunay-Terk. (Sie und ihr Mann Robert Delaunay sind beide so großartige Künstler.) Die feinen Zeichnungen von Marthe Donas und die Akte in Weiß von Marcelle Cahn hängen mir auch noch nach.

Die kleine blaue Ledertasche ist von & other Stories und begleitet mich nun auch schon eine Weile. Das Leder ist butterweich und ich freue mich jedes Mal, wenn ich dieses schöne und doch auch sehr empfindliche Material anfasse. Sie ist die Tasche in der Tasche und beherbergt Lippenstift, Spiegel, Haarklammern und viele Kleinigkeiten, die ich immer dabei haben möchte.


Und zu guter Letzt habe ich nach langem Suchen zwei Pullover aus Merinowolle gefunden, die weicher nicht sein könnten. Der graue Pullover mit Stehkragen stammt aus dem Hause Basler (und somit aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin). Seit Jahren trage ich wieder Oberteile mit einem so hohen Kragen und ich freue mich schon auf die Tage, an denen er mich warm halten wird. Der blaue Pullover ist auch ein Klassiker. Er hat kurze Ärmel und wird vielleicht an Weihnachten mit einem weit ausgestellten Rock ausgeführt. (Nur, was ziehe ich drüber?)


Und was macht euch im Dezember glücklich?

4. Dezember 2015

#200jahrestaedel - Der Community-Abend im Städel


Könnt ihr euch vorstellen, wie ich mich gefreut habe, als das Städel zu einem Community-Event geladen hatte? Eines meiner liebsten Museen veranstaltete für rund 120 Blogger, Twitterer und Instagrammer einen Abend zur Feier seines Jubiläumsjahres.

Für mich persönlich bedeutete die Einladung vor allem eins: eine riesige Freude über die Zeit im Museum, die ich gemeinsam mit meiner Freundin Lisa und vielen anderen Onlinern verbringen konnte. Eine wertvolle Zeit außerhalb der regelmäßigen Öffnungszeiten und auch Zeit, um hinter die Kulissen dieses Hauses zu blicken.


200 Minuten für die Community

Meine Erwartungen an diesen Abend wurden wirklich übertroffen. Das liegt sicher an einigen Kunstwerken, die mich immer wieder umhauen, aber natürlich auch am Programm und der Organisation des Events.

Schon beim Empfang im Metzler-Foyer beginnt für die meisten Teilnehmer das Tippen auf den Handys und das Klicken der Kameras. Es wird getwittert, was das Zeug hielt. In den kommenden 200 Minuten wird Einiges geboten.

Geplant waren sechs verschiedene Themen-Führungen, von denen man an zwei teilnehmen kann. Ich liebe Führungen. Für mich ist es zwar ganz essentiell, auch alleine und in Ruhe Kunstwerke anzusehen. Aber genauso mag ich es, Hinweise und Zusammenhänge durch die Kunsthistoriker zu erhalten.


Tour Nr. 4: Museum Digital: Die Digitale Erweiterung des Stäfel

Auf unserer ersten Tour nimmt uns Silke Janßen, die stellvertretende Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses, mit in die Sammlung Alte Meister. Was haben die jahrhundertealten Gemälde mit den digitalen Entwicklungen gemeinsam? Wie sich herausstellt, ziemlich viel. Vor dem Gemälde Der Heilige Jakob der Ältere von Jusepe de Ribera erzählt sie uns, wie das Städel mit dem Thema Digitale Erweiterung umging. Ich kenne bereits einige Tools und Anwendungen, die das Museum anbietet, weil ich mich schon lange dafür interessiere. 

Wenn man nämlich aufmerksam den Entwicklungen folgt, die die unterschiedlichsten Institutionen im Laufe der letzten Jahre in Sachen Digitalität mitgemacht haben, dann fällt eines auf: Die Zweigleisigkeit, die die meisten Modeunternehmen schon lange fahren, also on- und offline zu veröffentlichen, ist im Kulturbetrieb entweder gar nicht angekommen oder läuft erst seit wenigen Jahren an. Glücklicherweise haben wir einen Vorreiter in Sachen Digitaler Entwicklung hier in Frankfurt. Wohl nicht zuletzt auch dank des Direktors Max Hollein, der Neuentwicklungen gegenüber offen ist und gerne experimentiert. 

Und was macht das Team des Städels so besonders gut? Für mich persönlich sind die Digitorials sehr sinnvoll. Auf einer Website sind zur jeweiligen Ausstellung viele Informationen aufgebaut, die teilweise interaktiv aufgerufen werden können. So werden beispielsweise Hintergrundinformationen zum Zeitgeschehen sowie Details oder Nahaufnahmen von einzelnen Kunstwerken gezeigt.

Was ich beim nächsten Besuch garantiert testen werde, ist die kostenlose App, die das Städel anbietet. In dieser App sind rund 100 prägnante Werke verzeichnet. Und habt ihr schon einmal dieses Schildchen mit dem Auge unter der Bildbeschreibung gesehen? Das ist ein Zeichen dafür, dass das Kunstwerk erfasst ist, man es mit dem Bildscanner scannen kann und dann alle Informationen dazu erhält. 

Außerdem erfolgt die Erweiterung des Museums in den digitalen Raum auch durch die Digitale Sammlung, die man sich online ansehen kann. Hier sind die gleichen Werke verzeichnet, die auch in der App abgespeichert sind. Man erhält Informationen und Bildbeschreibungen, kann aber auch über Schlagworte weitere Bilde finden. So gibt es Kategorieren wie Künstler, Wirkungen, Bildthemen, Epoche, usw. nach denen die Kunstwerke gesucht oder assoziativ gefunden werden können.

Es gibt natürlich noch viele andere Möglichkeiten, die das Städel anbietet. Zum Beispiel das preisgekrönte Spiel für Kinder Imagoras oder die Kunstkammer in der Sammlung Alte Meister. Ein Raum mit Blick auf die Skyline von Frankfurt, in der man sich interaktiv an Bildschirmen die Digitale Sammlung ansehen kann.


Wie gehe ich persönlich mit Digitalität im Kulturbetrieb um?

In den darauffolgenden Tagen muss ich viel über die Digitalität in Museen, kunstgeschichtlichen Instituten und kulturellen Einrichtungen nachdenken. Die Mehrheit meiner Dozenten hat immer noch viele Vorurteile gegen das Internet und gegen jegliche digitale Medien. (Als ob wir nur Wikipedia kennen…) Es gibt zwar auch berechtigte Sorgen, z. B. der Schutz der Urheberrechte, doch überwiegt meiner Meinung nach die Angst vor dem Missbrauch oder einer falschen Nutzung. Wir sollen unbedingt immer in die Bibliothek. Grundsätzlich finde ich es auch ok. Ich brauche Bücher und das Haptische. Ich lerne jedoch am besten durch eine Kombination von verschiedenen Lernmöglichkeiten. Es gibt nämlich auch ein paar entscheidende Vorteile. Man denke nur an die Kosten, das Gewicht der schweren Bücher und die Verfügbarkeit. Meiner Meinung nach ist ein sinnvoller, ausgewogener Umgang mit dem Digitalen und dem Analogen notwendig und zeitgemäß. Die Scheu vor dem Digitalen dagegen unnötig.

Ich empfinde es außerdem als großen Vorteil, wenn man sich bereits zu Hause über die Ausstellung informieren kann und sich darauf vorbereitet. Man hat dann zwar eine leicht vorgegebene Leserichtung, was aber grundsätzlich nicht verkehrt ist. Allein die Hängung gibt ja im Wesentlichen auch schon immer eine Leserichtung vor.

Auch wenn ich die App beim nächsten Besuch ausprobieren werde, glaube ich, dass für mich ein analoger Rundgang auch in Zukunft noch die bessere Variante des Rundgangs ist. Ich möchte nicht nach dem nächsten Scanner-Symbol suchen, wenn ich die Räume betrete und meinen Blick so weit wie möglich ungefiltert lassen. Für mich ist es nämlich überhaupt kein Problem, wenn Menschen mit ihren stummgeschalteten Handys durch das Museum laufen. Jeder gestaltet sich seinen Besuch so, wie er es möchte. (Aber bitte lasst die Selfie-Sticks zu Hause!) Und glücklicherweise haben wir eine Wahl.

Doch merke ich, wie unaufmerksam ich für meine Umgebung bin, wenn ich das Handy als Begleitobjekt in die Ausstellung nehme. Ich sehe mir erst das Bild an und schieße dann ein Foto. Oder betrachte erst die Skulptur und schreibe mir dann den Namen des Künstlers auf. Ich möchte zunächst einen eigenen, selbst gestalteten Weg zum Kunstwerk nehmen und mich dann erst von vorgegebenen Beschreibungen oder eben dem Handy als Merkinstrument ablenken lassen. Das Handy in die Ausstellungen mitzunehmen, finde ich nämlich grundsätzlich ziemlich gut. Ich kann mir Kunstwerke viel besser merken, wenn ich sie abfotografiere und mir das Foto zu Hause nochmal in Ruhe betrachte und darüber nachdenke. 

Auffällig an diesem Abend ist natürlich, dass „alle“ an ihren Handys oder Kameras kleben. Das ist bei so einem Event auch verständlich. Gerade für kulturell interessierte Menschen, die gerne online dokumentieren und nach spannenden Perspektiven für ihr Foto Ausschau halten, ist dieser Community Abend perfekt. Und doch merke ich, dass ich bei den Führungen lieber zu hören will und die Kamera in der Hand behalte, als durch den Raum zu tingeln und die besten Shots zu knipsen. Ich überlasse das Feld lieber den begeisterten Fotografen :)



Tour Nr. 6: Das wachsende Museum: Der Erweiterungsbau und die Sammlungsentwicklung in der Gegenwartskunst 

Unsere zweite Tour lässt uns einen Blick hinter die Kulissen erhaschen. Wir besichtigen mit dem Leiter der Presseabteilung Axel Braun und einer charismatischen Kunstvermittlerin einige Räume des Depots. Viele Mitarbeiter des Städels haben selbst sehr selten die Gelegenheit in diese Hallen zu kommen und so ist es für uns alle sehr spannend, welche Fotografien und Zeichnungen sich in den Schränken und Regalen befinden. Glücklicherweise rotieren die Werke vor allem in der Sammlung Gegenwartskunst relativ häufig. So hat der Besucher die Möglichkeit, nach und nach den umfangreichen Sammlungsbestand zu bestaunen. 

Die Gegenwartskunst ist im neusten Bau des Städels untergebracht. Zirka einen Meter im Grundwasser. Dafür wurde vor einigen Jahren in einer großen Bürgerinitiative (könnt ihr euch noch an die gelben Gummistiefel erinnern?) Geld gesammelt, die den Neubau mitfinanzierte. Unter dem Garten des Städels finden sich nun auf 3000 Quadratmeter Kunstwerke ab 1945. Das besondere an der Architektur ist sicherlich, dass über die Bullaugen-Fenster tatsächlich Tageslicht hereinkommt und dass die Decke von nur zwölf Säulen getragen wird. 

Wenn man die Treppe hinabgeht, kommt man auf einen großen Platz, von dem viele Räume ausgehen. Dieser Platz wird auch gerne die Piazza genannt. Und es ist tatsächlich so, dass man immer wieder zu dieser Mitte zurückfindet. Mein Lieblingsraum in der aktuellen Ausstellungssituation ist wahrscheinlich eine Ecke, in der einige Fotografien von Thomas Struth hängen. Er wartet auf den richtigen Moment und fotografiert Menschen, die sich in Ausstellungen Bilder ansehen. Das Bild im Bilde also. Eine perfekte Bildvorlage für uns. Wir fotografierten Köpfe und Menschen vor den Fotografien. Das Bild im Bilde des Bildes.

Es gibt noch so viel zu entdecken. Ich möchte am liebsten bei Schlemmers Tischsituation hängen bleiben, mir die Gegenüberstellung von zwei großen Gemälden von Daniel Richter nochmal anschauen und mich dabei so bedrängt fühlen. Aber ich kehre für einen kurzen Augenblick zu Thomas Struth zurück, der mich an diesem Abend besonders berührt.



Ein erfolgreicher Abend

Nach den beiden Führungen stoßen wir auf dieses Museum, das Event und die Menschen an. Es gibt Zeit, sich kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und über das Gesehene zu sprechen.

Parallel dazu läuft auf einer Leinwand die Timeline. Unter dem Hashtag #200jahrestaedel sind auf Instagram über 400 Bilder, auf Twitter über 1500 Tweets erschienen und auf Periscope verfolgten über 300 Zuschauer den Abend mit. 

An diesem Abend merke ich, wie wenig ich doch ein Onliner oder Influencer bin. Ich halte zwar die ganze Zeit über mein Handy und meine Kamera griffbereit, aber am liebsten würde ich einfach nur schauen und zuhören. Natürlich mache ich Fotos. Zur Erinnerung, für mich und auch für diesen Artikel. Und ich twittere sogar wieder. Aber eigentlich geht es um das Gefühl.

Dieses Gefühl, wenn man von einem Kunstwerk gefangen genommen wird, wenn man sich ganz darauf einlassen kann und die meisten Einflüsse ausblendet. Diese "Aura" kann eine fotografische Abbildung nur bedingt wiedergeben.

Ich sage HERZLICHEN DANK für dieses äußerst gelungene, spannende und informative Event. Ich habe es sehr genossen, durch das Haus zu wandern, zuzuhören und hinzuschauen.


Auf dem Städel Blog könnt ihr eine Zusammenfassung des Abends sowie die Links zu weiteren Artikeln finden. 

















3. Dezember 2015

gelebt


Dezember, der letzte Monat in diesem Jahr beginnt. Das heißt nicht nur, dass die Vorbereitungen für Weihnachten auf Hochtouren laufen (sollten), sondern auch, dass ich noch ein paar To Do's von meiner Liste streichen möchte bevor 2016 kommt. Zum Beispiel feinen Milchschaum mit unserer Maschine machen, ohne Angst vor dem vielen Dampf zu haben. Oder endlich mal den vor einem Jahr geschenkt bekommenen Fotografiekurs zu absolvieren. Ach, eigentlich steht noch ganz viel an. Wie das eben immer so im Dezember ist. Ich freue mich aber auch auf ruhige Tage, auf gutes Essen und Familienzeit.

Der November war schön, kalt, Nerven aufreibend (in vielerlei Hinsicht) und vor allem ereignisreich. So voll, dass ich diesen Artikel erst heute veröffentlichen kann.


gelebt: Zum ersten Mal in meinem Leben war ich auf einem Martinsumzug. Nicht nur Anton hat der gemeinsame Marsch mit den Laternen, die Musik und das große Martinsfeuer gut gefallen. Mit einem Anruf von der Tagesmutter wurde ich an meinem freien Lerntag unterbrochen: Anton hatte eine Platzwunde. Der schlimmste Moment des Monats. Ihm ging und geht es aber gut. Wir haben Antons 2. Geburtstag ausgiebig zelebriert und auf unser eigenes Jubiläum angestoßen. In der Fasanerie wurden die Ziegen gefüttert, auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein geschlürft und das Kino endlich mal wieder betreten. Anton und ich wurden von einem kleinen Fernsehsender für einen Beitrag zum Thema "Studieren mit Kind" gefilmt. Aufregend. Auf dem Wochenmarkt habe ich mich mit Blumen eingedeckt und sie immer wieder neu arrangiert. Viele, viele Stunden saßen wir auch wieder im Zug. Ein besonderes Highlight war ein Bewerbungsgespräch und die darauffolgende Zusage. Einige Texte habe ich fertiggestellt, die mich schon lange bewegten, und andere Texte warten noch auf die Veröffentlichung. Auf einer Farewell-Party haben wir eine Freundin verabschiedet. Wir hatten auch viel Besuch und ich habe dafür gerne Kuchen gebacken. Und für die Uni hatte ich viel zu lesen und zu lernen. Eine mündliche Prüfung und ein Referat habe ich glücklicherweise geschafft.


gegessen bzw. gekocht und gebacken: Ich habe wieder an meinen "Hausfrauenskills" gearbeitet. Dafür, dass ich eigentlich backen furchtbar finde, stehe ich ganz schön häufig mit der Rührschüssel in der Küche. Mmmh... leckere Zimtschnecken in der Auflaufform nach einem freien Rezept, Schokobananenmuffins, einen Haselnuss-Zimt-Birnenkuchen, Schokoladentartelettes und wieder der Apfelkuchen mit Cheesecakefüllung. Als gesunden Ausgleich habe ich knusprige Apfelchips im Backofen selbst gemacht, frische Maracuja gegessen und viele Säfte und Smoothies selbst gepresst oder gemixt.
ausgegangen: die neue Bar Le Bon Bon in Mainz, zum ersten mal Kaffee in der Pâtissérie IImori in Frankfurt getrunken (und so Lust auf alle Kuchen gehabt), im Heimathafen Wiesbaden zum ersten Mal einen Pumpkin Spice Latte getrunken (lecker, aber zu süß), beim Jahrestag-Feiern indisch gegessen
geklickt: Keiner kann Stimmungen besser auffangen als Isabelle (und das noch analog!), der Artikel Your Body is a Battleground im Schirnmag, der Künstler Brice Marden, der mit Marmor arbeitet, Hannahs Zusammenstellung von burgunderfarbenen Boots (die ich im Übrigen schon länger haben will, als dieser Trend eigentlich besteht), die Fotos, die Brian im Haus und Atelier des Künstlers Donald Judd geschossen hat und Katharinas wunderbare Ideen für die Weihnachtsbäckerei.
gelesen: Endlich wieder eine Zeit, in der ich zum Lesen komme. Ich knabbere immer noch an der Odyssee von Homer. 
gesehen: James Bond 007: Spectre im Kino (Ich mag's sehr, egal wie übertrieben Vieles ist.)
gehört: einen kleinen Menschen, der Fere Schakke singt
ausgestellt: Im Rahmen einer Exkursion die Ausstellung Sturm-Frauen in der Schirn und in der Rotunde die Installation von Heather Phillipson. Zu gerne hätte ich auch noch Daniel Richter gesehen, aber mein Kopf war voller Eindrücke von der umfangreichen Ausstellung über die Künstlerinnen. Im Community Abend im Städel war ich auch dabei und habe vor allem die Räume der Gegenwartskunst sehr genossen. (Dazu aber wirklich ganz bald mehr.)
gemacht: für Anton eine Mäuschen-Laterne gebastelt, Adventskalender gemacht, Blumen zu Sträußen gebunden
gereist: Darmstadt und Frankfurt, ganz häufig. Zählt das noch? Für mich schon. Diese Ausflüge sind immer kleine Auszeiten, die mir gut tun und in denen ich auftanken kann. Für einen kurzen Moment habe ich tatsächlich auch bedauert, dass wir uns damals nicht für Darmstadt als Wohnort entschieden haben. Darmstadt hat so unglaublich schöne Ecken. An einem Nachmittag waren wir wieder auf der Mathildenhöhe.
gekauft: Am Black Friday habe ich tatsächlich auch viel bestellt und warte nun auf die Pakete. Ansonsten habe ich  zusätzlich zu den ersten Weihnachtsgeschenken sehr viel Gutes gefunden. Einen grauen Merinopullover mit Stehkragen von Basler, ein dunkelblaues Merinoshirt, das perfekt unter eine Strickjacke passt und endlich ein wunderschöner Geldbeutel von Liebeskind aus ganz weichem Leder, nachdem mein Uralt-Portemonnaie bereits auseinanderfiel. Für zwei sehr geliebte Stiefel habe ich beim Schuster über hundert Euro gelassen, damit er sie wieder rettet. Das gilt beinahe auch als "gekauft."
gewünscht: Zeit?! Ha. Das ewig währende Problem. Ruhe im Herzen und die Gewissheit, dass alles gut wird. Das vergesse ich manchmal. 
gedacht: Ich habe über die grausamen Attentate in Paris nachgedacht, über Lebensläufe von Kunsthistorikern und über einen guten Masterstudienort.
gefragt: Warum müssen KunsthistorikerInnen immer so schwere Bücher schleppen? Wieso bleibt unsere Wohnung nicht einmal 24 Stunden ordentlich? Und wie bitteschön soll ich Latein in der verfügbaren Zeit lernen?
geärgert: An einem Tag habe ich mich sehr über Anton geärgert und wir waren - wieder einmal - viel zu spät. Auf dem Weg zur Uni sehe ich aber in meiner Handtasche Antons Häschen, das er so liebt und es versöhnte mich mit allem.
gefreut: Über die grünen Halsbandsittiche mit rotem Schnabel, die auf den Bäumen in unserem Garten saßen. Wie die mich glücklich gemacht haben. Stellt euch das vor: Ihr schaut aus dem Fenster und dort sind viele grüne Vögel. Grüne Vögel in unserer Region. Ich finde es super.
geliebt: Den Nebel und die bunten Blätter, die schönsten Sonnenuntergänge und die besondere Sonneneinstrahlung in unserem Wohnzimmer.