den Augenblick erkennen, den Moment erleben

29. Juli 2012

Banalitäten



Ich habe mein Diktiergerät wiedergefunden. Naja, so ganz stimmt das nicht. Es lag seit Jahren in einer Kiste mit Visitenkarten und Briefen. Ich habe es vielmehr seit langer Zeit hervorgeholt und mich endlich dazu aufgerafft, diese Mini-Batterien zu kaufen, die sonst nirgendwo reinpassen. Acht Stück habe ich nun, das Diktiergerät braucht nur zwei, eine lange Ich-spreche-mein-Diktiergerät-voll-Ära steht also an. Das hübsche kleine Gerät war ein Geburtstagsgeschenk vor dreieinhalb Jahren. 
Auch wenn ich viele Situationen aus dem Jahr 2009 noch vor Augen habe, war ich vorhin ziemlich erstaunt, was ich „damals“ so auf dem Herzen hatte. Ein ereignisloser Tag ist heute, auf dem Bett liegen und Einträge durchhören, von Januar bis September 2009. 
Ich sprach über die Dinge, die mir wichtig waren. Ein bisschen wie ein Teenager. Traurigerweise habe ich eher das Bedürfnis, etwas aufzuschreiben oder zu erzählen, wenn ich in einer schlechter Verfassung bin, wenn es mir weniger gut geht. Es ist wohl ein Therapieersatz - einmal aufgeschrieben, ist die Sache verarbeitet und kann vergessen werden. Gute Momente bleiben sowieso in Erinnerung. Also hören sich meine Audio-Einträge ziemlich negativ an, nach einem furchtbaren Leben einer Zwanzigjährigen. Teilweise war ich sehr amüsiert von meiner Wortwahl und meiner gesamten Art zu sprechen, aber vor allem von den Themen, die mich beschäftigt haben.
Das Problem, dass ja tatsächlich schon der Tisch gedeckt sein muss, bevor die Gäste kommen, ist nun wirklich tragisch. Und ja, das teure Geschirr wurde genutzt. Welche Konventionen und Vorstellungen ich davon hatte, wie etwas hat sein sollen und was man alles hat tun müssen. Banalitäten. Dinge, die sich längst erübrigt haben. Ansichten, die ich verworfen habe. 
Aber wie gut es ist, dass man dadurch auch eine Entwicklung sehen kann. Vor dreieinhalb Jahren gab es einen großen Umbruch, eine kleine Selbstfindungsphase. Ich höre heraus, wie mein Wunsch nach Veränderung und Bildung von Monat zu Monat stärker wurde. In dieser Zeit entschied ich mich dafür, ein Blog zu schreiben und das Abitur nachzuholen. Wow, was für eine Veränderung, die spießige Kleinstadtfrau ist nun wohl eine spießige Großstadtfrau geworden... (Wobei Großstadt definiert werden müsste... Laut wikipedia.de ist Mainz auf Platz 39 der deutschen Großstädte.)
Zurück zum Diktiergerät. Ich habe keine Autofahrten mehr von Aschaffenburg nach Mainz oder nach Frankfurt oder zur Arbeit, in denen ich genug Zeit hätte, um das Diktiergerät vollzusprechen. Das ist auch gut so. Wahrscheinlich verschwindet es bald wieder in der gleichen Kiste, nur mit vollem Akku. 
Das sind die Banalitäten einer Dreiundzwanzigjährigen.

Kommentare:

  1. Ich glaube, ich könnte sowas nicht. Also in ein Diktiergerät sprechen. Ich schreibe es entweder auf oder führe ausgiebig Selbstgespräche. So bleibt mir wohl die Erinnerung ersparrt, über was für lächerliche Dinge ich mich manchmal aufrege.

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  2. Oh wow. Noch bemerkenswerter als den Mut aufzubringen, sein Innenleben laut auszusprechen (hat da wer gelauscht?), ist, finde ich, den Mut aufzubringen sich noch einmal davon aufwühlen zu lassen. Auch nach Jahren. Gewolltes, gewünschtes, gutes Rauskommen.

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  3. Das ist ein sehr bewegender Text. Ich denke, dass jeder, der diese Zeilen gelesen hat, hat gleich in sich geschaut und nach ähnlichen Erfahrungen gesucht. Ich finde es sehr mutig von dir die Aufnahmen noch mal anzuhören, ich lese, beispielsweise, nie meine Tagebücher von früher. Ich habe Angst davor dort eine ganz andere Person zu treffen, die ich nicht mehr bin. Ich hoffe doch, dass deine Rückkehr in die Vergangenheit dich ein Stück weiter Richtung deiner Zukunft gebracht hat.

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  4. @ Ethel, Ich weiß auch nicht, ob ich so bald wieder reinsprechen werde, ich kann meine Gedanken zur Zeit viel besser per Schrift ordnen und formulieren. Aber da gibt es dann auch immer noch genug lächerliche Dinge.

    @ aboleyn, Nein, keiner hat da gelauscht, ein Glück! Das, was ich damals gesagt habe oder zur Zeit aufschreibe, sollte man nicht unbedingt mitbekommen, ist doch privat ;-) Ich bin nicht immer "bereit", "alte" Gedanken nochmal zu lesen oder wie vor ein paar Tagen tatsächlich zu hören, aber manchmal tut es mir gut zu merken, dass sich Dinge ändern, und meistens zum Positiven hin verändern.

    @ Tetyana, Ich finde es ja gerade so großartig, "eine (ganz) andere Person" wiederzufinden, dann weiß ich, dass ich vorankomme und mich entwickele. Oder teilweise ändert sich wenig und ich kann meine Standpunkte überdenken und/oder revidieren.

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