den Augenblick erkennen, den Moment erleben

19. April 2012

Es ist immer unser Du.





Wenn ich heute, während ich wandere oder unter einem lauflosen Waldrand sitze, manchmal daran denke, bleibt vor allem das Frohe, das Leichte, das dieser Begegnung vergönnt war; dann wieder das Sonderbare, das sich mit jedem Du verbindet. Sie mögen noch so anders sein nach Alter, Herkunft, Art und Aussehen, unsrerseits empfinden wir sie wie Schwestern, die einander kennen müssten. Das ist wunderbar und schrecklich. Irgendwie werden sie, sobald sie uns näherkommen, immer so wie wir, und sind, so, wie ich sie niemals kennen kann, immer so wie er… Lange sitze ich an diesem Waldrand, rauche, sehen den Weg, den ich vor sieben Wochen mit Maja ging, und es ist nicht verwunderlich, dass ihre Gesichter, so verschieden sie für das Auge sind, fast wie eines werden, je näher sie dem Herzen kommen. Es ist immer unser Du. Es ist unsere eigene Einsamkeit, die uns letztlich immer das gleiche Gesicht zeigt, unser Gesicht, das endgültig ist, und über dieses Du hinaus kommen wir nie. Es ist nur so, dass manchmal ein Mensch in dieses Du hineinkommt, kürzer oder länger.

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

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