den Augenblick erkennen, den Moment erleben

26. Februar 2012

Schreiben

Ich schreibe nicht mehr.
Weil ich bei dem Versuch, wahre Sätze zu schreiben, immer wieder scheiter. Gut klingen müssen sie ja auch. Und dann soll ihnen der ganze Pathos genommen werden. Wie soll das gehen, wenn man Erfahrungen beschreibt? Zugegeben, es sind nicht die weisesten Erfahrungen eines noch nicht allzu viel erlebten Lebens.
Selbst bei diesen Zeilen scheiter ich.
 
Ich lese viel. Ich lese Hemingway, Willemsen und Frisch; und ich merke, was mir fehlt. Diese Selbsterkenntnis, es ist kein Pessimismus, hält mich vom Schreiben ab. Ich nehme nur auf.
 
Frisch formuliert in seinem `Tagebuch 1946-1949´einige Gedanken über das Schreiben sehr treffend:
„Unterwegs
Jeder Gedanke ist in dem Augenblick, wo wir ihn zum erstenmal haben, vollkommen wahr, gültig, den Bedingungen entsprechend, unter denen er entsteht, dann aber, indem wir nur das Ergebnis aussprechen, ohne die Summe der Bedingungen aussprechen zu können, hängt er plötzlich im Leeren, nichtssagend, und jetzt erst beginnt das Falsche, indem wir uns umsehen und Entsprechungen suchen… (Denn die Sprache, selbst die ungesprochene, ist niemals imstande, in einem Augenblick alles einzufangen, was uns in diesem Augenblick, da ein Gedanke entsteht, alles bewusst ist, geschweige denn das Unbewusste)… so stehen wir denn da und haben nichts als ein Ergebnis, erinnern uns, dass das Ergebnis vollkommen stimmte, beziehen es auf Erscheinungen, die diesen Gedanken selber nie ergeben hätten, überschreiten den Bereich seiner Gültigkeit, da wir die Summe seiner Bedingungen nicht mehr wissen, oder mindestens verschieben wir ihn – und schon ist der Irrtum da, die Vergewaltigung, die Überzeugung. Oder kurz:
Es ist leicht, etwas Wahres zu sagen, ein sogenanntes Apercu, das im Raum des Unbedingten hängt; es ist schwierig, fast unmöglich, dieses Wahre anzuwenden, einzusehen, wieweit eine Wahrheit gilt.
(Wirklich zu sein!)“
 
Und hinzu kommt noch der Rezipient! So lesen wir in `Unterwegs zu Swann – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit I´von Marcel Proust:
„Doch selbst hinsichtlich der unscheinbarsten Dinge des Lebens sind wir nicht ein objektiv erfassbares Ganzes, das für alle gleich ist, so dass jeder nur davon Kenntnis zu nehmen braucht wie von einem Lastenheft oder einem Testament; als soziale Person sind wir eine geistige Schöpfung der anderen.“
 
Oder an anderer Stelle schreibt Frisch: „…Worte zeigend, wie man Kieselsteine zeigt, Gewebe oder andere Dinge, die für sich selbst sprechen müssen,…“
 
Frisch argumentiert mit Brecht und Goethe („Am Ausgang steht eine Feststellung, es folgt die Geburt eines Gedankens, so zwingend und eindeutig, dass man schon auf die Knie geht,…“) und führt als Gegenbeispiel Heine an („Heine kann sich selber nicht trauen, obschon die Gefühle, die er singt, in hohem Grade gefühlt sein mögen; aber sie halten allem andern, was er weiß, nicht stand. Hinter der Rose, um es krass zu sagen, steht die Syphilis.“).
 
Roger Willemsen sagt in seinem Buch `Der Knacks´Folgendes:
„Das Schreiben bietet die beste Möglichkeit, sich der eigenen Dummheit zu vergewissern. Dauernd stößt der Schreibende auf Dinge, die er nicht sein, nicht sehen, nicht auf den Begriff bringen kann. Es gibt einen Moment des Erwachens in dieser Erfahrung, den Augenblick, in dem sich dieser Schreibende seines Scheiterns vergewissert und vom missglückten Satz zum schadhaften Werk, zur mangelhaften Person, zum nicht geführten Leben kommt. Der Schreibfehler ist darin etwas wie der symbolische Statthalter für das Misslingen im Ganzen. Das Versagen greift in die Speichen des Werks – als wolle ein Text etwas herstellen, wo schließlich eine Wunde klappt, ein Makel entsteht, und dann schreibt Joseph Conrad: `Dichten heißt, im Scheitern das Sein erfahren.´“
 
Dieses Anecken, dieses Stoßen an die Begrenzungen seiner Fähigkeiten kann zwei Entscheidungen zur Folge haben. Entweder lässt seine Willensstärke einen weitermachen oder man hört auf. Wichtig ist hierbei aber, dass man seine Gedanken reflektiert. Warum will man das sagen, was man schreibt, an wen ist es gerichtet?
 
Wenn der Wunsch im Gegensatz zum Können steht.
 
Zurück zum Wahrheitsgehalt. Im Formulieren von klaren Aussagen sehe ich Qualität. Für Hemingway wird dies zur Arbeitsmethode:
„Aber manchmal, wenn ich eine neue Geschichte anfing und nicht in Schwung kam, […] und dachte: ‚Keine Sorge. Du hast immer geschrieben und wirst auch jetzt schreiben. Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst.‘ Schließlich gelang mir ein wahrer Satz, und von dort ging es weiter. Damals war es einfach, denn es gavv immer einen wahren Satz, den du kanntest oder gelesen oder von jemanden gehört hattest. Wenn ich anfing, kompliziert zu schreiben oder wie einer, der etwas bekanntmachen oder vorführen will, erkannte ich, dass ich die Schnörkel oder Ornamente ausmerzen und wegwerfen und mit dem ersten wahren einfachen Aussagesatz anfangen konnte, den ich geschrieben hatte.“ (Paris – Ein Fest fürs Leben)
 
Müde bin ich von den Gedanken, die mich terrorisierten, mit denen ich oft alleine war. Das Aufschreiben als Therapie, als Hilfsmittel, als Gegenüber.
 
Jean-Paul Sartre in `Der Ekel´:
„Undatiertes Blatt
Das Beste wäre, die Ereignisse Tag für Tag aufzuschreiben. Ein Tagebuch zu führen, um klarzusehen. Sich nicht die Nuancen, die Kleinigkeiten entgehen zu lassen, auch wenn sie nach nichts aussehen, und sie vor allem einzuordnen. Man muss sagen, wie ich diesen Tisch, die Straße, die Leute, mein Tabakpäckchen sehe, denn gerade das hat sich verändert. Man muss den Umfang und die Art dieser Veränderung genau bestimmen.
Zum Beispiel hier diese Pappschachtel in der mein Tintenfass ist. Man müsste versuchen zu sagen, wie ich sie vorher sag und wie ich sie jetzt sehe.
*Also es ist ein rechteckiges Parallelepipedon, es hebt sich ab von – zu blöd, es gibt nichts darüber zu sagen. Gerade das muss vermieden werden: man darf nichts Ungewöhnliches sehen wollen, wo nichts ist. Ich glaube, das ist die Gefahr, wenn man ein Tagebuch führt: man bauscht alles auf, man liegt auf der Lauer, man fordert ständig die Wahrheit.“
 
Mein aktuelles Tagebuch ist fast voll, ich kaufe mir morgen ein neues – um zu schreiben, um die unwichtigen Dinge des Lebens und die Gedanken und Erlebnisse, denen man schriftlich nicht gerecht werden kann, aufzuschreiben.
 

Kommentare:

  1. sehr tolle sammlung von worten/meinungen zum thema schreiben. v.a. der ausschnitt aus 'der ekel' spricht mir zu, mit dem 'aufbauschen'. und dennnoch ist es wertvoll, dinge aufzuschreiben - zumindest für einen selbst. so war es gerade kürzlich (silvester 2011/12) für mich sehr wertvoll ca. 6 kleine heftchen (tagebücher, moleskines im A5-format) aus den jahren 2006 und 2007 zu vernichten. diese zeit, diese verfestigten erinnerungen, mit tatkraft loszuwerden. schon allein dafür, hat es sich gelohnt, diese tagebücher zu schreiben, um später etwas zu haben, negative erinnerungen bewusst loszuwerden ...

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  2. momentan habe ich nicht das Bedürfnis, alte Erinnerungen loszuwerden, selbst wenn sie schmerzen können. Ich denke, dass eben diese Erfahrungen mich zu diesem Menschen machen, der ich gerade bin. Sollten negative Erfahrungen dabei sein, können sie einen formen und zum Nachdenken anregen; man kann sich bewusst damit auseinandersetzen und Geschehenes nicht tilgen, aber sich selbst neu ausrichten und bewusst arbeiten. Aber ganz ehrlich, ich möchte meine alten Aufzeichnungen nicht unbedingt nochmal lesen. Es ging damals wie auch jetzt fast nur um den Akt an sich, zu schreiben, es loszuwerden.

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