den Augenblick erkennen, den Moment erleben

28. Februar 2012

gelesen. Max Frisch. Zur Schriftstellerei

Zur Schriftstellerei

Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heißt ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen.
Unser Streben geht vermutlich dahin, alles auszusprechen, was sagbar ist; die Sprache ist wie ein Meißel, der alles weghaut, was nicht Geheimnis ist, und alles Sagen bedeutet ein Entfernen. Es dürfte uns insofern nicht erschrecken, dass alles, was einmal zum Wort wird, einer gewissen Leere anheimfällt. Man sagt, was nicht das Leben ist. Man sagt es um des Lebens willen. Wie der Bildhauer, wenn er den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare, vortreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, dass man das Geheimnis zerschlägt, und ebenso die andere Gefahr, dass man vorzeitig aufhört, dass man es einen Klumpen sein lässt, dass man das Geheimnis nicht stellt, nicht fasst, nicht befreit von allem, was immer noch sagbar wäre, kurzum, dass man nicht vordringt zu seiner letzten Oberfläche.
Diese Oberfläche alles letztlich Sagbaren, die eins sein müsste mit der Oberfläche des Geheimnisses, diese stofflose Oberfläche, die es nur für den Geist gibt und nicht in der Natur, wo es auch keine Linie gibt zwischen Berg und Himmel, vielleicht ist es das, was man die Form nennt?
Eine Art von tönender Grenze -.

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

27. Februar 2012

Farbe verlieren

Es gab diesen magischen Moment. Doch die Erinnerungen verblassten, die Zeit verging. Und mit jeder Enttäuschung rückte ich ein Stück, manchmal ein weites Stück, von dir weg. Dabei war ich noch nie ganz nah bei dir.

Wenn ich enttäuscht wurde, dann hatte ich zuvor eine Erwartung. Ich hatte nicht das Recht, Ansprüche zu stellen, besonders weil doch alles klar war (ich verstand es einfach nicht).

Wenn Zeit verging, zu viel passierte und die Erwartungen oft nicht erfüllt wurden, so dass ich kaum noch wünschen mochte. Von hoffen ganz zu schweigen, selbst wenn die Hoffnung zuletzt stirbt.

Du hattest zu viel Angst; vor einem Missverständnis, dass wir unterschiedliches Dinge wollen könnten, und zogst dich zurück. Es war nichts da, das man hätte definieren können. Also, wozu die Angst, wenn man magische Momente haben könnte?
nicht alle Texte handeln von meinem Leben /
Eindrücke, die ich mache /
Menschen, mit denen ich spreche /
nur manchmel in ein Ich gepackt /
Ich entwickele gerade eine sehr starke Max Frisch Liebe. Aber eigentlich, wenn ich ein Buch lese, dessen Schriftsteller einfach gut ist, dann kann man ja nur eine Liebe entwickeln.
Also Frisch.

26. Februar 2012

Schreiben

Ich schreibe nicht mehr.
Weil ich bei dem Versuch, wahre Sätze zu schreiben, immer wieder scheiter. Gut klingen müssen sie ja auch. Und dann soll ihnen der ganze Pathos genommen werden. Wie soll das gehen, wenn man Erfahrungen beschreibt? Zugegeben, es sind nicht die weisesten Erfahrungen eines noch nicht allzu viel erlebten Lebens.
Selbst bei diesen Zeilen scheiter ich.
 
Ich lese viel. Ich lese Hemingway, Willemsen und Frisch; und ich merke, was mir fehlt. Diese Selbsterkenntnis, es ist kein Pessimismus, hält mich vom Schreiben ab. Ich nehme nur auf.
 
Frisch formuliert in seinem `Tagebuch 1946-1949´einige Gedanken über das Schreiben sehr treffend:
„Unterwegs
Jeder Gedanke ist in dem Augenblick, wo wir ihn zum erstenmal haben, vollkommen wahr, gültig, den Bedingungen entsprechend, unter denen er entsteht, dann aber, indem wir nur das Ergebnis aussprechen, ohne die Summe der Bedingungen aussprechen zu können, hängt er plötzlich im Leeren, nichtssagend, und jetzt erst beginnt das Falsche, indem wir uns umsehen und Entsprechungen suchen… (Denn die Sprache, selbst die ungesprochene, ist niemals imstande, in einem Augenblick alles einzufangen, was uns in diesem Augenblick, da ein Gedanke entsteht, alles bewusst ist, geschweige denn das Unbewusste)… so stehen wir denn da und haben nichts als ein Ergebnis, erinnern uns, dass das Ergebnis vollkommen stimmte, beziehen es auf Erscheinungen, die diesen Gedanken selber nie ergeben hätten, überschreiten den Bereich seiner Gültigkeit, da wir die Summe seiner Bedingungen nicht mehr wissen, oder mindestens verschieben wir ihn – und schon ist der Irrtum da, die Vergewaltigung, die Überzeugung. Oder kurz:
Es ist leicht, etwas Wahres zu sagen, ein sogenanntes Apercu, das im Raum des Unbedingten hängt; es ist schwierig, fast unmöglich, dieses Wahre anzuwenden, einzusehen, wieweit eine Wahrheit gilt.
(Wirklich zu sein!)“
 
Und hinzu kommt noch der Rezipient! So lesen wir in `Unterwegs zu Swann – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit I´von Marcel Proust:
„Doch selbst hinsichtlich der unscheinbarsten Dinge des Lebens sind wir nicht ein objektiv erfassbares Ganzes, das für alle gleich ist, so dass jeder nur davon Kenntnis zu nehmen braucht wie von einem Lastenheft oder einem Testament; als soziale Person sind wir eine geistige Schöpfung der anderen.“
 
Oder an anderer Stelle schreibt Frisch: „…Worte zeigend, wie man Kieselsteine zeigt, Gewebe oder andere Dinge, die für sich selbst sprechen müssen,…“
 
Frisch argumentiert mit Brecht und Goethe („Am Ausgang steht eine Feststellung, es folgt die Geburt eines Gedankens, so zwingend und eindeutig, dass man schon auf die Knie geht,…“) und führt als Gegenbeispiel Heine an („Heine kann sich selber nicht trauen, obschon die Gefühle, die er singt, in hohem Grade gefühlt sein mögen; aber sie halten allem andern, was er weiß, nicht stand. Hinter der Rose, um es krass zu sagen, steht die Syphilis.“).
 
Roger Willemsen sagt in seinem Buch `Der Knacks´Folgendes:
„Das Schreiben bietet die beste Möglichkeit, sich der eigenen Dummheit zu vergewissern. Dauernd stößt der Schreibende auf Dinge, die er nicht sein, nicht sehen, nicht auf den Begriff bringen kann. Es gibt einen Moment des Erwachens in dieser Erfahrung, den Augenblick, in dem sich dieser Schreibende seines Scheiterns vergewissert und vom missglückten Satz zum schadhaften Werk, zur mangelhaften Person, zum nicht geführten Leben kommt. Der Schreibfehler ist darin etwas wie der symbolische Statthalter für das Misslingen im Ganzen. Das Versagen greift in die Speichen des Werks – als wolle ein Text etwas herstellen, wo schließlich eine Wunde klappt, ein Makel entsteht, und dann schreibt Joseph Conrad: `Dichten heißt, im Scheitern das Sein erfahren.´“
 
Dieses Anecken, dieses Stoßen an die Begrenzungen seiner Fähigkeiten kann zwei Entscheidungen zur Folge haben. Entweder lässt seine Willensstärke einen weitermachen oder man hört auf. Wichtig ist hierbei aber, dass man seine Gedanken reflektiert. Warum will man das sagen, was man schreibt, an wen ist es gerichtet?
 
Wenn der Wunsch im Gegensatz zum Können steht.
 
Zurück zum Wahrheitsgehalt. Im Formulieren von klaren Aussagen sehe ich Qualität. Für Hemingway wird dies zur Arbeitsmethode:
„Aber manchmal, wenn ich eine neue Geschichte anfing und nicht in Schwung kam, […] und dachte: ‚Keine Sorge. Du hast immer geschrieben und wirst auch jetzt schreiben. Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst.‘ Schließlich gelang mir ein wahrer Satz, und von dort ging es weiter. Damals war es einfach, denn es gavv immer einen wahren Satz, den du kanntest oder gelesen oder von jemanden gehört hattest. Wenn ich anfing, kompliziert zu schreiben oder wie einer, der etwas bekanntmachen oder vorführen will, erkannte ich, dass ich die Schnörkel oder Ornamente ausmerzen und wegwerfen und mit dem ersten wahren einfachen Aussagesatz anfangen konnte, den ich geschrieben hatte.“ (Paris – Ein Fest fürs Leben)
 
Müde bin ich von den Gedanken, die mich terrorisierten, mit denen ich oft alleine war. Das Aufschreiben als Therapie, als Hilfsmittel, als Gegenüber.
 
Jean-Paul Sartre in `Der Ekel´:
„Undatiertes Blatt
Das Beste wäre, die Ereignisse Tag für Tag aufzuschreiben. Ein Tagebuch zu führen, um klarzusehen. Sich nicht die Nuancen, die Kleinigkeiten entgehen zu lassen, auch wenn sie nach nichts aussehen, und sie vor allem einzuordnen. Man muss sagen, wie ich diesen Tisch, die Straße, die Leute, mein Tabakpäckchen sehe, denn gerade das hat sich verändert. Man muss den Umfang und die Art dieser Veränderung genau bestimmen.
Zum Beispiel hier diese Pappschachtel in der mein Tintenfass ist. Man müsste versuchen zu sagen, wie ich sie vorher sag und wie ich sie jetzt sehe.
*Also es ist ein rechteckiges Parallelepipedon, es hebt sich ab von – zu blöd, es gibt nichts darüber zu sagen. Gerade das muss vermieden werden: man darf nichts Ungewöhnliches sehen wollen, wo nichts ist. Ich glaube, das ist die Gefahr, wenn man ein Tagebuch führt: man bauscht alles auf, man liegt auf der Lauer, man fordert ständig die Wahrheit.“
 
Mein aktuelles Tagebuch ist fast voll, ich kaufe mir morgen ein neues – um zu schreiben, um die unwichtigen Dinge des Lebens und die Gedanken und Erlebnisse, denen man schriftlich nicht gerecht werden kann, aufzuschreiben.
 

22. Februar 2012

gelesen: zur Lyrik

Worte zeigend,
wie man Kieselsteine zeigt

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, "Zur Lyrik"

18. Februar 2012

gelesen. Max Frisch

Wenn auch nur die Form eines einzelnen Satzes gelingt, der scheinbar nicht mit allem gemein hat, was ringsum geschieht - wie wenig das Uferlose uns anhaben kann, das Gestaltlose im eigenen Innern und rings in der Welt! Das menschliche Dasein, plätzlich erscheint es lebbar, ohne weiteres, wir ertragen die Welt, sogar die wirkliche, den Blick in den Wahnwitz: wir ertragen ihn in der wahnwitzigen Zuversicht, dass das Chaos sich ordnen lasse, fassen lasse wir ein Satz, und die Form, wo immer sie einmal geleistet wird, erfüllt uns mit einer Macht des Trostes, die ohnegleichen ist.

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

17. Februar 2012

gelesen

Oft, während ich hier sitze, immer öfter wundert es mich, warum wir nicht einfach aufbrechen -
    Wohin?
    Es genügte, wenn man den Mut hätte, jene Art von Hoffnung abzuwerfen, die nur Aufschub bedeutet, Ausrede gegenüber jeder Gegenwart, die verfängliche Hoffnung auf den Feierabend und das Wochenende, die lebenslängliche Hoffnung auf das nächste Mal, auf das Jenseits - es genügte, den Hunderttausend versklavter Sellen, die jetzt an ihren Pültchen hocken, diese Art von Hoffnung auszublasen: groß wäre das Entsetzen, groß und wirklich die Verwandlung.

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

16. Februar 2012

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13. Februar 2012

gelesen

Zur Schriftstellerei

Im Grunde ist alles, was wir in diesen Tagen aufschreiben, nichts als eine verzweifelte Notwehr, die immerfort auf Kosten der Wahrhaftigkeit geht, unweigerlich; denn wer im letzten Grunde wahrhaftig bliebe, käme nicht mehr zurück, wenn er das Chaos betritt - oder er müsste es verwandelt haben.
Dazwischen gbt es nur das Unwahrhaftige.


Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

10. Februar 2012


Paranoia. Das Bild macht Mut. la vie est magnifique und so.

3. Februar 2012

Sie sprach viel zu viel über die Veränderungen, die sie durchlebte. Weil sie froh darüber war. Doch sie erzählte, als ob sie es beweisen müsse. Es reichte aus, wenn sie ohne Erklärungen einfach lebte und handelte.  

2. Februar 2012

Ich habe heute eine mutige, erwachsene Entscheidung getroffen, eine Entscheidung, die von den alltäglichen etwas herausragt, und ich würde dir so gerne davon erzählen. Stattdessen suche ich Worte, die alles aussagen können und auch nichts.

1. Februar 2012

Erst, als ich in den Kalender vom letzten Jahr schaute, merkte ich, warum dieser Tag so besonders ist.  Ich hatte es doch tatsächlich vergessen.