den Augenblick erkennen, den Moment erleben

15. Juni 2011

gelesen: Der mobile Mensch



Auszüge aus "Der mobile Mensche" von Arnold Gehlen, 1962


Die Geschwindigkeit ist eine Größe, die Raum und Zeit gleitend verbindet, die technisch irgend erreichbare Geschwindigkeit jagt die Menschen in die Räume hinaus. Mit der Schnelligkeit der Übermittlung steigt die Zahl der Informationen, die ankommen oder fällig werden ohnehin, mit der Vergrößerung des Einzugsbereichs potenziert sie sich noch einmal.

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Bei unserem Staunen über solche Mobilisierung gehen wir von der Vorstellung der Sesshaftigkeit der Menschen aus; doch ist es wahr, dass am Orte zu kleben nie in der Natur des Menschen lag, seit Urzeiten war immer ein Teil der Menscheit unsesshaft, war unterwegs, geschoben von nahen Umständen oder gezogen von fernen Zielen, seinen Chancen nachziehend, so wie wir heute die griechischen und italienischen Arbeiter in den Eisenbahnen treffen, oder wie die Auswandererschiffe nach Kanada oder Australien niemals leer sind.

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[Geschichte der Völkerwanderung, Vagabunden, Pilgerfahrten, usw.]

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Erst in nachmittelalterlicher Zeit nun entstand diejenige Kategorie von Reisenden, der wir wohl alle zu Zeiten angehören: die Bildungs- und Vergnügungsreisenden. Mann muss allerdings sagen, dass dieselbe Erscheinung schon im Altertum aufgetreten war, und Pausanias schrieb für die vornehmen jungen Römer der Hadrianzeit ein Reisehandbuch über Griechenland, das zum Glück erhalten ist und zu den interessantesten Werken der klassischen Litreatur gehört, ein antiker Baedeker. Zu den eigentlichen Bildungsreisen müssen wir bereits in mittelalterlicher Zeit die nach den Universitäten Paris und Blogna unternommen rechnen, später entfalteten die deutschen Universitäten eine große Anziehungskraft. ... Im sechzehnten Jahrhundert erfahren wir auch von methodischen Studienreisen von Künstlern, so war Dürer in den Jahren 1495 und 1505 in Italien, 1520 in den Niederlanden.

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Erst in den letzten Jahrzehnten ist es nun zu der Erscheinung gekommen, die heute im Brennpunkt der Aufmerksamkeit steht: die motorisierte Massen-Touristik. Die eigentlichen großen Massenwanderungen sind, soweit sie nicht Kriegsfolgen waren, mit der überall durchgeführten Okkupation der Erdoberfläche abgeklungen. Dafür sind aber die Bedingungen eingetreten, die erstmalig in der Menschheitsgeschichte sind und jedermann zum Reisen veranlassen: der bezahlte Urlaub, die technische Hochentwicklung des Autos, Flugzeugs und die weltweite Etablierung des Beherbungsgewerbes.

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