den Augenblick erkennen, den Moment erleben

8. November 2010

notiert


zum Thema Tagebuchführen bzw. Erinnerungen aufschreiben, gestern gelesen


"Das beste wäre, die Ereignisse Tag für Tag aufzuschreiben. Ein Tagebuch zu führen, um klarzusehen. Sich nicht die Nuancen, die Kleinigkeiten entgehen zu lassen, auch wenn sie nach nichts aussehen, und sie vor allem einzuordnen. Man muss sagen, wie ich diesen Tisch, die Straße, die Leute, mein Tabakpäckchen sehe, denn gerade das hat sich verändert. Man muss den Umfang und die Art dieser Veränderung genau bestimmen.
Zum Beispiel hier diese Pappschachtel, in der mein Tintenfass ist. Man müsste versuchen zu sagen, wie ich sie vorher sah und wie ich sie jetzt*             . Also, es ist ein rechteckiges Parallelepipedon, es hebt sich ab von - zu blö, es gibt nichts darüber zu sagen. Gerade das muss vermieden werden: man darf nichts Ungewöhnliches sehen wollen, wo es ist. Ich glaube, das ist die Gefahr, wenn man ein Tagebuch führt: man bauscht ales auf, man liegt auf der Lauer, man forciert ständig die Wahrheit. Andererseits ist gewiss, dass ich jederzeit - und gerade bei dieser Schachtel oder bei irgendeinem Gegenstadt - wieder diese Empfindung von vorgestern bekommen kann. Ich muss immer bereits sein, sonst gleitet sie mir wieder durch die Finger.

....

Ich gehe jetzt schlafen. Ich bin geheilt, ich verzichte darauf, wie kleine Mädchen meine Eindrücke Tag für Tag in ein schönes neues Heft zu schreiben."



*Ein Wort ausgelassen.

aus "Der Ekel" von Jean-Paul Sartre

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen