den Augenblick erkennen, den Moment erleben

25. November 2010

Kleist und die Bildende Kunst


Caspar David Friedrich - Der Mönch am Meer, Alte Nationalgalerie Berlin, Öl auf Leinwand, 110 cm × 171,5 cm



Vor einem Jahr habe ich während eines Gasthörersemesters sämtliche Werke von Heinrich von Kleist gelesen und bin seither von dieser suspekten Persönlichkeit stark beeindruckt. Nun bieten in diesem Wintersemester das Studium generale der Uni Mainz und der Interdisziplinäre Arbeitskreis für Drama und Theater eine Ringvorlesung zur Kleists Rezeption an.

Diesen Montag hatte ich Zeit und hörte den Vortrag "Kleist und die Bildende Kunst" von Prof. Dr. Jörg Zimmermann, der an der AfBK Kunsttheorie und Ästhetik lehrt. Die Zeit war zu knapp bemessen oder das Thema zu umfangreich, so dass das Thema nur angerissen werden konnte. Es gibt einige Portraits von Kleist. Welches ihm am meisten gleicht, ist nicht klar. Es scheint, dass das authentischste Bild jenes ist, das er vom Maler Peter Friedel zeichnen lässt, um es seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge zu schenken. In der Moderne folgten Werke von André Masson und Max Slevogt, oder Illustrationen der Erzählungen von Kokoschka und Janssen.

Kleist selbst schrieb eher selten über seine Eindrücke der Kunstbetrachtung. Seine kurze Abhandlung über "Der Mönch am Meer" von Caspar David Friedrich, die in den "Berliner Abendblättern" erschien, ist ein Beispiel dafür. Zuvor hatten Brentano und Arnom einen Text eingereicht, den er editiert und ergänzt. Hier ist der Text:


Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft


Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man hinüber möchte, daß man es nicht kann, daß mam Alles zum Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Flut, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den einem die Natur tut. Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Youngs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten wären. Gleichwohl hat der Maler zweifelsohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, daß sich, mit seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und daß dies Bild eine wahrhaft Ossiansche oder Kosegartensche Wirkung tun müßte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und mit ihrem eigenen Wasser malte; so, glaube ich, man könnte die Füchse und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann. – Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemälde, sind zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, vorgenommen, mich durch die Äußerungen derer, die paarweise, von Morgen bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.

Der nächste Vortrag findet am Montag, 29.11.2010, um 18 Uhr im Philosophicum, Raum P3 statt.
Prof. Dr. Brigitte Schultze (Mainz): "Kontexte und Knotenpunkte einer selektiven Bühnenrezeption"

Kommentare:

  1. So schön. Das war das letzte halbe Jahr mein Hintergrundbild.. Würde ich mir ohne Zweifel auch an die Wand hängen. So schön.

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  2. Hey Betty, ist ja witzig: Ich lerne gerade für die Prüfung, gebe den Titel dieses Gemäldes ein und es erscheint die Verlinkung zu deinem blog :-) In meinen Unterlagen habe ich nur einen Ausszug aus diesem Text, jetzt kann ich ihn vervollständigen :-) Danke, der hilft mir weiter....
    Liebe Grüße, evy

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  3. Das Bild ist hässlich!

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  4. at anonym. nächstes mal bitte etwas konstruktiver.

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