den Augenblick erkennen, den Moment erleben

19. Juli 2010

von der Vegetation

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Wer Menschen kennt, der kennt auch die Vegetabilien, weil nur sehr wenig Menschen leben – und viele, unzählige aber nur vegetieren. Wer in der Fruh aufsteht, in die Kanzlei geht, nacher essen geht, nacher präferanzeln geht und nacher schlafen geht, der vegetiert; wer in der Fruh ins G'wölb' geht und nacher auf die Maut geht und nacher essen geht und nacher wieder ins G'wölb' geht, der vegetiert; wer in der Fruh aufsteht, nacher a Roll' durchgeht, nacher in die Prob' geht, nacher essen geht, nacher ins Kaffeehaus geht, nacher Komödie spieln geht, und wenn das alle Tag' so fortgeht, der vegetiert. Zum Leben gehört sich, billig berechnet, eine Million, und das is nicht genug; auch ein geistiger Aufschwung g'hört dazu, und das find't man höchst selten beisammen! Wenigstens, was ich von die Millionär' weiß, so führen fast alle aus millionärrischer Gewinnvermehrungspassion ein so fades, trockenes Geschäftsleben, was kaum den blühenden Namen »Vegetation« verdient.
Titus zu Flora in "Der Talisman" von Johann Nestroy, 1. Akt, 17. Szene

Wer Spaß an Wortwitz und Satzspielereien hat, ist sicher mit Johann Nestroy vertraut. "Der Talisman" ist eine amüsante Lektüre über haarige Vorurteile und Perücken, die das Leben bestimmen. Um Nestroy zu lesen, sollte man aber Geduld mit der altösterreichischen Sprache und den Abkürzungen haben. Der obige Textauszug beschäftigt mich schon etwas länger. Wie sieht der, wie sieht mein Alltag aus?  Was bedeutet Alltag und was Highlight? Können Highlights zum Alltag werden? In welchem Verhältnis sollen Alltag und Highlights stehen. 

Nestroy beschreibt eine Lebensweise, die auf viele Menschen zutrifft. Die Wiederholung der alltäglichen Dinge führt zu einem Vegetieren. Tag ein, Tag aus. Der "geistige Aufschwung" (wir sehen mal von der "Million" ab) gibt dem Leben eine Kraft, die das Vegetieren bricht, damit man "wirklich" leben kann. Wie der geistige Aufschwung erlebt werden kann, muss nicht erläutert werden. Jedes Wesen wird hier wohl eine andere Möglichkeit nutzen können und für sich selbst verantworlich sein.

mit offenen Augen durch das Leben gehen, die Schönheiten am Straßenrand sehen und entweder abpflücken und betrachten oder stehen lassen und einen kurzen Moment genießen

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