den Augenblick erkennen, den Moment erleben

17. Mai 2010

diskutiert: Zeitbrüche - Diagnosen zur Gegenwart

Kai Dröge (Institut für Sozialforschung, Frankfurt), Angela Keppler (Institut für Sozialforschung Frankfurt und Universität Mannheim), Stefan Münker (Universität Basel), Jan-Hinrik Schmidt (Hans-Bredow-Institut Hamburg) und Peter Kemper von HR2 Kultur diskutierten am Montag, den 10.05.2010 im Rahmen der Reihe "Zeitbrüche - Diagnosen zur Gegenwart" im Literaturhaus Frankfurt über die aktuellsten Arbeits- und Forschungsergebnisse im Gebiet der sozialen Netzwerke. In dieser Stunde wurde über den virtuellen Raum, die Rolle des Nutzers und die Privatsphäre gesprochen. 

Wie funktionieren die Übergänge von Real Life zu Virtual Life in einer Zeit, in der diese beiden Welten so offensichtlich aufeinander treffen? Das Iphone gehört zu den Alltagsgegenständen der jungen Generation, man ist immer und überall erreichbar. Die Grenzen vermischen und verschieben sich und die Überschneidungsbereiche werden immer größer. 

Die Frage der Selbstpräsentation wird wichtiger. Im Real Life ist der Körper das zentrale Vermittlungssystem. Hängende Schultern deuten Niedergeschlagenheit oder Resignation an, Unsicherheit erkennt man daran, dass der Gesprächspartner dem Gegenüber nicht in die Augen sehen kann. Auf den Social Networks ist es aber nun möglich, dass die Nutzer entkörperlicht kommunizieren können. Es steht in ihrer Verantwortlichkeit, Informationen anzugeben, die sie veröffentlichen und zugänglich machen. Mit dem Profilbild steuern sie bewusst ihr Selbstbildnis und können die unbewusste Darstellung bereinigen. Dennoch ist die Darstellung nicht ganz so individuell, wie oft gewünscht. Die technischen Gegebenheiten sowie die Anforderungen des Netzwerkes schränken die Individualität ein. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung der Fotos. Die Frage, wie man sich fotografieren lässt, spielt eine wichtige Rolle. Folglich inszenieren viele Nutzer ihren Körper - sie posen. Das Posing wird zum Ausdrucksmedium und somit zum Teil der Alltagskommunikation. Denn diese Fotos werden online gestellt, von anderen gesehen und bewertet. Diese Situation ist von den Blogs nur allzu bekannt. Die virtuelle Welt biete viele Möglichkeiten und neue Formen der Reaktionen auf online gestellte Aktionen. Doch ist es fraglich, ob die Qualität der Rückmeldungen wirklich durch Besucherzahlen auszumachen ist. Beobachtet wird aber, dass je mehr Einblicke in das Privatleben geboten werden, desto mehr Beachtung dem Nutzer geschenkt wird. Dies ist jedoch zum Teil des Alltags geworden. Junge Leute, laut Frau Keppler von 14-24 Jahren, müssen bzw. mussten lernen, damit bewusst umzugehen. Nicht nur im Schulhof wird geklärt, welche Position man in der Gesellschaft einnimmt, sondern auch im Netz.

Es muss den Nutzern bewusst sein, dass sie Äußerungen in Form von Kommentaren oder Fotos in die Welt setzen und diese somit öffentlich sind. Potenzielle Arbeitgeber haben ebenso die Möglichkeit an gewisse Information zu gelangen wie Hacker oder im Normalfall Freunde und deren Freunde. Auch wenn die Websites die Möglichkeit bieten, diverse Privatsphäre-Einstellungen zu sichern, sind die Informationen durchsehbar und verkettbar. Die Frage ist nun, in wie weit die eigene Kontrolle und Selbstdisziplin geht. Denn das Veröffentlichen in eigener Regie ist nur bedingt möglich. In diesem Zusammenhang ist natürlich die Auflockerung der Privatsphäre-Einstellungen durch den Facebook-Gründers Mark Zuckerberg nicht unerheblich.

Zu diesem spannenden und höchst aktuellen Thema kann stundenlang diskutiert werden. Wie auch die Redner in vielen Fällen unterschiedlicher Meinung waren, werden es auch die Nutzer sein. Letzten Endes trägt jeder für sich selbst Verantwortung. Auf jeden Fall freue ich mich jetzt schon auf die nächste Diskussion im Rahmen der Zeitbrüche-Reihe im Literaturhaus Frankfurt.

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