den Augenblick erkennen, den Moment erleben

31. Januar 2010

Zweiter Aufzug, erster Auftritt


Sittah. Zum wenigsten kann gar wohl sein, daß deine Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen, Schuld ist, daß ich nicht besser spielen lernen.
Saladin. Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!
Sittah. So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!
Saladin. Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht Gesehn, das meine Königin zugleich Mit niederwirft.
Sittah. War dem noch abzuhelfen? Laß sehn.
Saladin. Nein, nein; nimm nur die Königin. Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.
Sittah. Bloß mit dem Steine?
Saladin. Fort damit! - Das tut Mir nichts. Denn so ist alles wiederum Geschützt.
Sittah. Wie höflich man mit Königinnen Verfahren müsse: hat mein Bruder mich Zu wohl gelehrt. (Sie läßt sie stehen.)
Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht! Ich habe keine mehr.
Sittah. Wozu sie nehmen? Schach! - Schach!
Saladin. Nur weiter.
Sittah. Schach! - und Schach! - und Schach! -
Saladin. Und matt!
Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch Dazwischen; oder was du machen willst. Gleichviel!
Saladin. Ganz recht! - Du hast gewonnen: und Al-Hafi zahlt. - Man lass' ihn rufen! gleich! Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut. Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine Beständig? die an nichts erinnern, nichts Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn Gespielt? - Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht Die umgeformten Steine, Sittah, sind's, Die mich verlieren machten: deine Kunst, Dein ruhiger und schneller Blick ...
Sittah. Auch so Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen. Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.


aus "Nathan der Weise" von G. E. Lessing

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