den Augenblick erkennen, den Moment erleben

16. Oktober 2009

Coblentz bei Pasewalk, den 21. August 1800

"Coblentz bei Pasewalk, den 21. August 1800

Weil doch die Post vor morgen abend nicht abgeht, so will ich noch ein Blättchen Papier für Dich beschreiben, und wünsche herzlich daß die Lektüre desselben Dir nur halb so viel Vergnügen machen möge, als mir das Geschäft des Schreibens. Du wirst zwar nun ein paarmal vergebens auf die Post schicken, und das Herzchen wird mit jeder Stunde stärker und stärker zu klopfen anfangen; aber Du mußt vernünftig werden, Wilhelmine. Du kennst mich, und, wie ich hoffe, doch gewiß im Guten. Daran halte Dich. Du kennst überdies immer den Ort meines Aufenthaltes, und von dem Zwecke meiner Reise weißt Du doch wenigstens so viel, daß er vortrefflich ist. Unser Glück liegt dabei zum Grunde, und es kann, welches eine Hauptsache ist, nichts dabei verloren, doch alles dabei gewonnen werden. Also beruhige Dich für immer, was auch immer vorfallen mag. Wie leicht können Briefe auf der Post liegen bleiben, oder sonst verloren gehen; wer wollte da gleich sich ängstigen? Geschrieben habe ich gewiß, wenn Du auch durch Zufall nicht eben sogleich den Brief erhalten solltest. Damit wir aber immer beurteilen können, ob unsere Briefe ihr Ziel erreicht haben, so wollen wir beide uns in jedem Schreiben wechselseitig wiederholen, wie viele Briefe wir schon selbst geschrieben und empfangen haben. Und so mache ich denn hiermit unter folgender Rubrik den Anfang..."

aus einem Brief von Heinrich von Kleist an seine Verlobte, Wilhelmine von Zenge

Wie schön es doch ist, dass Kleists Briefe erhalten sind. Sie verleihen mir immer wieder ein Lächeln auf meinen Lippen. Sein Leben spiegelt sich in seinen Texten wider. Das Verhältnis zu seiner Schwester, seiner Verlobten oder den Verlegern wird deutlich und es zeigt die private Seite eines Schriftstellers in der Zeit um 1800. Zum Beispiel hat er ein interessantes Verhältnis zu seiner Verlobten - er tadelt sie, bezeugt seine Liebe und versucht, sie für seine Ansichten zu gewinnen. Ab und zu wünsche ich mir die digitale Welt weg und die Zeit des Briefeschreibens zurück. Ob man sich dann mehr Gedanken über den Inhalt seiner Texte und Briefe macht? Briefe für die Ewigkeit schreibt? Oder ist das ein zu romantischer Gedanke? Wie man auch die Vor- und Nachteile der heutigen Schreibkultur sehen möchte, ist es bewundernswert, dass Kleist trotz Warten und Hoffen auf zugestellte Briefe, weiterschrieb. Und uns somit eine wunderbare Sammlung von Briefen und Texten über sein Leben hinterließ.

1 Kommentar:

  1. was für ein toller eintrag! ich studiere nicht umsonst germanistik. ich liebe so was!!

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