den Augenblick erkennen, den Moment erleben

11. Dezember 2015

ein Spaziergang zur Mathildenhöhe in Darmstadt


Eine Liebe zur Stadt

Eigentlich muss ich an dieser Stelle gar nicht erwähnen, wie gerne ich in Darmstadt bin. Schon einige Male schrieb ich von diesem Phänomen. Es hängt garantiert nicht damit zusammen, dass ich in meiner Kindheit immer im Auto durch die Stadt gefahren bin, wenn wir unsere Verwandtschaft in Frankenthal besuchten. Sicher nicht. Sondern vielmehr damit, dass ich Darmstadt mit einer ganz besonderen Zeit verbinde, mit einem tollen Mann, einem größer werdenden Bauch und einer so schönen Wohnung, in der ich die leckerste Pasta gegessen habe. Wenn ich Darmstadt wieder einen Besuch abstatte, schwingen diese Erinnerungen immer mit. Bekannte Ecken, an denen man schöne Momente erlebt hat, liegen neben Orten, die es noch zu entdecken gilt und natürlich gibt es dann auch Gegenden, die einfach hässlich unschön sind.

Ich liebe es, dass Darmstadt von einer ganz wunderbaren Gründerzeit-Architektur geprägt ist und sich dazwischen aber immer wieder Highlights der Baukunst finden lassen. Begeistert bin ich auch von den zahlreichen und sehr schönen Parkanlagen. Ich habe bisher keinen besseren Schuster gefunden als meinen Stiefelretter in der Wilhelminenstraße. Die Geschäfte der Innenstadt haben eine größere Verkaufsfläche und eine bessere Vielfalt als in Mainz und ich werde eigentlich immer fündig, wenn ich nach etwas Konkretem suche. Außerdem gibt es zwei Marktschreier, die frisches Obst am Abend preiswert loswerden wollen. Das Hessische Landesmuseum hat eine umfassende Sammlung und ein abwechslungsreiches Programm. Auch das Schloss hat eine spannende Geschichte. Das Martinsviertel hat eine ganz besondere Atmosphäre und hat mich vom ersten Augenblick in Beschlag genommen.

Letzte Woche, als Anton und ich wieder für einen Nachmittag da waren, bedauerte ich beinahe, dass wir vor zwei Jahren nicht in die schöne Altbauwohnung meines Freundes gezogen sind. Diese Wohnung hatte eine ganz besondere Aura und das Martinsviertel mit seinen Geschäften, Cafés, den Menschen und seiner Architektur zieht mich fast magisch an. Letztlich war es aber auf jeden Fall die richtige Entscheidung, in Mainz zu bleiben, nicht nur wegen der Freunde und der Universität.


Ein magischer Ort in Darmstadt

Darmstadt hat also Orte, die mich immer ein wenig verzaubern. Einer dieser Orte ist die Mathildenhöhe und ich möchte euch auf einen Spaziergang in diese schöne Ecke Darmstadts mitnehmen.

Vom Marktplatz, an dem gerade ein großer Weihnachtsmarkt stattfindet, kann man es sich leicht machen und an der Haltestelle Schloss die Buslinie F nehmen. Nach eine vierminütigen Busfahrt ist man schon da. Oder man läuft die Strecke zur höchsten Erhebung der Innenstadt. Dafür geht man am Schloss vorbei und läuft die B26 entlang, bis man zum Darmstadtium, dem Kongresszentrum, gelangt.

Das Residenzschloss erinnert mich immer ein wenig an das Schloss Johannisburg aus meiner ursprünglichen Heimatstadt Aschaffenburg. Sie ist nämlich von der Bausubstanz (roter Sandstein) und dem Grundriss (quadratische Anlage) sehr ähnlich. Spannend ist aber vor allem die Baugeschichte. Denn innerhalb von mehreren Jahrhunderten wurde an dem Schloss im Barock und in der Renaissance immer wieder gebaut und das erkennt man auch von außen. Die Front, die man vom Marktplatz aus sieht ist beispielsweise aus dem Barock.

Am Darmstadtium blickt man auch auf das klassizistisch anmutende Hessische Staatsarchiv, das Anfang des 19. Jahrhunderts von Georg Moller errichtet wurde. Moller ist einer der wichtigsten Architekten für Darmstadt, weil er noch die Ludwigssäule, die St.-Ludwigs-Kirche und das Moller-Haus errichten ließ. Und auch für Mainz ist er von Bedeutung: das Staatstheater wurde von ihm entworfen.

Wir erhaschen noch einen Blick auf das Hessische Landesmuseum und biegen dann beim Darmstadtium rechts in die Alexanderstraße ein. Die Alexanderstraße und auch weiter oben die Magdalenenstraße (die 300 m weiter links reinführt) sind ebenfalls stadtgeschichtlich interessant. Hier wurden in zwei Bauabschnitten (ab 1590 und ab 1672) Häuser nach einheitlichem Plan gebaut. Das heißt, dass die Häuser alle einen einheitlichen Grundriss, die gleiche Bauweise und ähnliche Fronten haben. Diese Ecke von Darmstadt, die früher die Alte Vorstadt war, ist eines der ersten Beispiele von Städtebau, das landesherrlich verordnet und systematisch geplant wurde. Viele dieser Häuser haben den Zweiten Weltkrieg überstanden und sind somit auch heute auf der rechten Straßenseite zu sehen.

Auf der linken Seite befindet sich die Technische Universität Darmstadt. Dieses Gelände kenne ich in Gänze noch nicht, aber ich war schon in einigen Ecken oder Gebäuden drin. Hier lassen sich prima Fotos schießen, weil es so unterschiedlich interessante Fassaden gibt.

Knapp 150 m weiter mündet die Alexanderstraße in die Dieburger Straße. Wir gehen einfach weiter hoch. Auf der rechten Seite befindet sich das Alice-Hospital, auf der linken ein paar kleine Geschäfte und ein Supermarkt. Nach 350 m kommen wir an der Bushaltestelle Mathildenhöhe an und laufen dann rechts den steilen Berg hinauf. Und diese kleine Straße hält eine kleine Überraschung für uns bereit. Ein großer Gebäudekomplex erstreckt sich auf der linken Seite. Er ist hässlich, monströs und in der Dämmerung fast ein wenig unheimlich. Aber auch sehr spannend. Gegenüber stehen Gründerzeithäuser, die so typisch für das Martinsviertel sind.

Und dann haben wir es geschafft: wir sind auf der Mathildenhöhe.


Die Mathildenhöhe: ein facettenreicher Ort

Die Mathildenhöhe ist ein besonders wertvoller und kulturgeschichtlicher Ort. Um 1900 wurde hier eine Künstlerkolonie gegründet. Die 23 Mitglieder sind allesamt Künstler und arbeiteten in den unterschiedlichsten Bereichen. Es gab Architekten, Literaten, Maler, Bildhauer, "Entwerfer für Angewandte Kunst", Goldschmiede und Grafiker. Sie kommen auch aus den unterschiedlichsten Bereichen, wurden ganz verschieden geprägt (u.a. durch die Nabis, einige von ihnen lebten längere Zeit in Paris) und arbeiteten in Darmstadt an einem Gesamtkunstwerk. Ich könnte noch viel mehr über die Künstler erzählen und bin gerade ganz angefixt von dieser Gruppe. Es ist jedes Mal so spannend, in wie weit sich solche Gruppierungen als feste Gruppe einordnen lassen, ob sie sich mit einem Gründungsmanifest konstituierten oder von was die Gruppendynamik geprägt war. Aber diesen kunstgeschichtlichen Diskurs lasse ich hier bleiben und recherchiere weiter.

An diesem Abend spielen sechs alte Männer Boule auf dem Sabaisplatz. Obwohl es noch nicht einmal fünf Uhr ist, dämmert es bereits und diese Szene ist irgendwie magisch. Hinter diesem Platz erstreckt sich der Hochzeitsturm, eines der Wahrzeichen Darmstadts. In diesem Turm kann man tatsächlich noch heiraten. Er hat ein ganz eigentümliches Dach mit einer Fünffingerform und wunderschöne Verzierungen. Gegenüber des Turms und des Ausstellungsgebäudes gibt es einen Platanenhain, der auch ein Café beherbergt. Der Winterpavillon ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet, wir kommen aber leider zu spät und es hat schon geschlossen. Die Anlage ist weitläufig genug und dennoch überschaubar, sodass Anton allein herumlaufen kann. Wir haben wirklich Spaß. Es ist schon fast zu dunkel, um die tollen Details an all den Gebäuden, Skulpturen und Geländer zu erkennen. Deshalb lasse wir das für das nächste Mal und toben noch ein bisschen auf dem Platz vor der russischen Kirche. Goldene Kuppeln schmücken dieses Gebäude und ich würde zu gern hineingehen. Auf dem Gelände findet man außerdem noch viele Künstlerhäuser, das Museum Künstlerkolonie und das Lilienbecken. (Schaut euch auch den Lageplan an, da seht ihr, wie vielfältig die Mathildenhöhe ist.)

Die Bänke laden zum Verweilen ein und nicht nur Anton und ich machen es uns auf der Holzbank bequem, sondern auch ein Pärchen sitzt zur späten Stunde noch da und unterhält sich lange. Die Details, die verloren gehen, weil es einfach schon zu dunkel ist, werden auf unseren nächsten Besuch warten müssen. Aber dennoch ist dieser Ort so magisch, im Hellen und im Dunkeln.


1 Kommentar:

  1. Ich liebe einfach deine Spaziergänge. Du beschreibst so schön - und umso toller ist es, wenn man die Orte über die du sprichst so gut kennst.

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