den Augenblick erkennen, den Moment erleben

4. Dezember 2015

#200jahrestaedel - Der Community-Abend im Städel


Könnt ihr euch vorstellen, wie ich mich gefreut habe, als das Städel zu einem Community-Event geladen hatte? Eines meiner liebsten Museen veranstaltete für rund 120 Blogger, Twitterer und Instagrammer einen Abend zur Feier seines Jubiläumsjahres.

Für mich persönlich bedeutete die Einladung vor allem eins: eine riesige Freude über die Zeit im Museum, die ich gemeinsam mit meiner Freundin Lisa und vielen anderen Onlinern verbringen konnte. Eine wertvolle Zeit außerhalb der regelmäßigen Öffnungszeiten und auch Zeit, um hinter die Kulissen dieses Hauses zu blicken.


200 Minuten für die Community

Meine Erwartungen an diesen Abend wurden wirklich übertroffen. Das liegt sicher an einigen Kunstwerken, die mich immer wieder umhauen, aber natürlich auch am Programm und der Organisation des Events.

Schon beim Empfang im Metzler-Foyer beginnt für die meisten Teilnehmer das Tippen auf den Handys und das Klicken der Kameras. Es wird getwittert, was das Zeug hielt. In den kommenden 200 Minuten wird Einiges geboten.

Geplant waren sechs verschiedene Themen-Führungen, von denen man an zwei teilnehmen kann. Ich liebe Führungen. Für mich ist es zwar ganz essentiell, auch alleine und in Ruhe Kunstwerke anzusehen. Aber genauso mag ich es, Hinweise und Zusammenhänge durch die Kunsthistoriker zu erhalten.


Tour Nr. 4: Museum Digital: Die Digitale Erweiterung des Stäfel

Auf unserer ersten Tour nimmt uns Silke Janßen, die stellvertretende Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses, mit in die Sammlung Alte Meister. Was haben die jahrhundertealten Gemälde mit den digitalen Entwicklungen gemeinsam? Wie sich herausstellt, ziemlich viel. Vor dem Gemälde Der Heilige Jakob der Ältere von Jusepe de Ribera erzählt sie uns, wie das Städel mit dem Thema Digitale Erweiterung umging. Ich kenne bereits einige Tools und Anwendungen, die das Museum anbietet, weil ich mich schon lange dafür interessiere. 

Wenn man nämlich aufmerksam den Entwicklungen folgt, die die unterschiedlichsten Institutionen im Laufe der letzten Jahre in Sachen Digitalität mitgemacht haben, dann fällt eines auf: Die Zweigleisigkeit, die die meisten Modeunternehmen schon lange fahren, also on- und offline zu veröffentlichen, ist im Kulturbetrieb entweder gar nicht angekommen oder läuft erst seit wenigen Jahren an. Glücklicherweise haben wir einen Vorreiter in Sachen Digitaler Entwicklung hier in Frankfurt. Wohl nicht zuletzt auch dank des Direktors Max Hollein, der Neuentwicklungen gegenüber offen ist und gerne experimentiert. 

Und was macht das Team des Städels so besonders gut? Für mich persönlich sind die Digitorials sehr sinnvoll. Auf einer Website sind zur jeweiligen Ausstellung viele Informationen aufgebaut, die teilweise interaktiv aufgerufen werden können. So werden beispielsweise Hintergrundinformationen zum Zeitgeschehen sowie Details oder Nahaufnahmen von einzelnen Kunstwerken gezeigt.

Was ich beim nächsten Besuch garantiert testen werde, ist die kostenlose App, die das Städel anbietet. In dieser App sind rund 100 prägnante Werke verzeichnet. Und habt ihr schon einmal dieses Schildchen mit dem Auge unter der Bildbeschreibung gesehen? Das ist ein Zeichen dafür, dass das Kunstwerk erfasst ist, man es mit dem Bildscanner scannen kann und dann alle Informationen dazu erhält. 

Außerdem erfolgt die Erweiterung des Museums in den digitalen Raum auch durch die Digitale Sammlung, die man sich online ansehen kann. Hier sind die gleichen Werke verzeichnet, die auch in der App abgespeichert sind. Man erhält Informationen und Bildbeschreibungen, kann aber auch über Schlagworte weitere Bilde finden. So gibt es Kategorieren wie Künstler, Wirkungen, Bildthemen, Epoche, usw. nach denen die Kunstwerke gesucht oder assoziativ gefunden werden können.

Es gibt natürlich noch viele andere Möglichkeiten, die das Städel anbietet. Zum Beispiel das preisgekrönte Spiel für Kinder Imagoras oder die Kunstkammer in der Sammlung Alte Meister. Ein Raum mit Blick auf die Skyline von Frankfurt, in der man sich interaktiv an Bildschirmen die Digitale Sammlung ansehen kann.


Wie gehe ich persönlich mit Digitalität im Kulturbetrieb um?

In den darauffolgenden Tagen muss ich viel über die Digitalität in Museen, kunstgeschichtlichen Instituten und kulturellen Einrichtungen nachdenken. Die Mehrheit meiner Dozenten hat immer noch viele Vorurteile gegen das Internet und gegen jegliche digitale Medien. (Als ob wir nur Wikipedia kennen…) Es gibt zwar auch berechtigte Sorgen, z. B. der Schutz der Urheberrechte, doch überwiegt meiner Meinung nach die Angst vor dem Missbrauch oder einer falschen Nutzung. Wir sollen unbedingt immer in die Bibliothek. Grundsätzlich finde ich es auch ok. Ich brauche Bücher und das Haptische. Ich lerne jedoch am besten durch eine Kombination von verschiedenen Lernmöglichkeiten. Es gibt nämlich auch ein paar entscheidende Vorteile. Man denke nur an die Kosten, das Gewicht der schweren Bücher und die Verfügbarkeit. Meiner Meinung nach ist ein sinnvoller, ausgewogener Umgang mit dem Digitalen und dem Analogen notwendig und zeitgemäß. Die Scheu vor dem Digitalen dagegen unnötig.

Ich empfinde es außerdem als großen Vorteil, wenn man sich bereits zu Hause über die Ausstellung informieren kann und sich darauf vorbereitet. Man hat dann zwar eine leicht vorgegebene Leserichtung, was aber grundsätzlich nicht verkehrt ist. Allein die Hängung gibt ja im Wesentlichen auch schon immer eine Leserichtung vor.

Auch wenn ich die App beim nächsten Besuch ausprobieren werde, glaube ich, dass für mich ein analoger Rundgang auch in Zukunft noch die bessere Variante des Rundgangs ist. Ich möchte nicht nach dem nächsten Scanner-Symbol suchen, wenn ich die Räume betrete und meinen Blick so weit wie möglich ungefiltert lassen. Für mich ist es nämlich überhaupt kein Problem, wenn Menschen mit ihren stummgeschalteten Handys durch das Museum laufen. Jeder gestaltet sich seinen Besuch so, wie er es möchte. (Aber bitte lasst die Selfie-Sticks zu Hause!) Und glücklicherweise haben wir eine Wahl.

Doch merke ich, wie unaufmerksam ich für meine Umgebung bin, wenn ich das Handy als Begleitobjekt in die Ausstellung nehme. Ich sehe mir erst das Bild an und schieße dann ein Foto. Oder betrachte erst die Skulptur und schreibe mir dann den Namen des Künstlers auf. Ich möchte zunächst einen eigenen, selbst gestalteten Weg zum Kunstwerk nehmen und mich dann erst von vorgegebenen Beschreibungen oder eben dem Handy als Merkinstrument ablenken lassen. Das Handy in die Ausstellungen mitzunehmen, finde ich nämlich grundsätzlich ziemlich gut. Ich kann mir Kunstwerke viel besser merken, wenn ich sie abfotografiere und mir das Foto zu Hause nochmal in Ruhe betrachte und darüber nachdenke. 

Auffällig an diesem Abend ist natürlich, dass „alle“ an ihren Handys oder Kameras kleben. Das ist bei so einem Event auch verständlich. Gerade für kulturell interessierte Menschen, die gerne online dokumentieren und nach spannenden Perspektiven für ihr Foto Ausschau halten, ist dieser Community Abend perfekt. Und doch merke ich, dass ich bei den Führungen lieber zu hören will und die Kamera in der Hand behalte, als durch den Raum zu tingeln und die besten Shots zu knipsen. Ich überlasse das Feld lieber den begeisterten Fotografen :)



Tour Nr. 6: Das wachsende Museum: Der Erweiterungsbau und die Sammlungsentwicklung in der Gegenwartskunst 

Unsere zweite Tour lässt uns einen Blick hinter die Kulissen erhaschen. Wir besichtigen mit dem Leiter der Presseabteilung Axel Braun und einer charismatischen Kunstvermittlerin einige Räume des Depots. Viele Mitarbeiter des Städels haben selbst sehr selten die Gelegenheit in diese Hallen zu kommen und so ist es für uns alle sehr spannend, welche Fotografien und Zeichnungen sich in den Schränken und Regalen befinden. Glücklicherweise rotieren die Werke vor allem in der Sammlung Gegenwartskunst relativ häufig. So hat der Besucher die Möglichkeit, nach und nach den umfangreichen Sammlungsbestand zu bestaunen. 

Die Gegenwartskunst ist im neusten Bau des Städels untergebracht. Zirka einen Meter im Grundwasser. Dafür wurde vor einigen Jahren in einer großen Bürgerinitiative (könnt ihr euch noch an die gelben Gummistiefel erinnern?) Geld gesammelt, die den Neubau mitfinanzierte. Unter dem Garten des Städels finden sich nun auf 3000 Quadratmeter Kunstwerke ab 1945. Das besondere an der Architektur ist sicherlich, dass über die Bullaugen-Fenster tatsächlich Tageslicht hereinkommt und dass die Decke von nur zwölf Säulen getragen wird. 

Wenn man die Treppe hinabgeht, kommt man auf einen großen Platz, von dem viele Räume ausgehen. Dieser Platz wird auch gerne die Piazza genannt. Und es ist tatsächlich so, dass man immer wieder zu dieser Mitte zurückfindet. Mein Lieblingsraum in der aktuellen Ausstellungssituation ist wahrscheinlich eine Ecke, in der einige Fotografien von Thomas Struth hängen. Er wartet auf den richtigen Moment und fotografiert Menschen, die sich in Ausstellungen Bilder ansehen. Das Bild im Bilde also. Eine perfekte Bildvorlage für uns. Wir fotografierten Köpfe und Menschen vor den Fotografien. Das Bild im Bilde des Bildes.

Es gibt noch so viel zu entdecken. Ich möchte am liebsten bei Schlemmers Tischsituation hängen bleiben, mir die Gegenüberstellung von zwei großen Gemälden von Daniel Richter nochmal anschauen und mich dabei so bedrängt fühlen. Aber ich kehre für einen kurzen Augenblick zu Thomas Struth zurück, der mich an diesem Abend besonders berührt.



Ein erfolgreicher Abend

Nach den beiden Führungen stoßen wir auf dieses Museum, das Event und die Menschen an. Es gibt Zeit, sich kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und über das Gesehene zu sprechen.

Parallel dazu läuft auf einer Leinwand die Timeline. Unter dem Hashtag #200jahrestaedel sind auf Instagram über 400 Bilder, auf Twitter über 1500 Tweets erschienen und auf Periscope verfolgten über 300 Zuschauer den Abend mit. 

An diesem Abend merke ich, wie wenig ich doch ein Onliner oder Influencer bin. Ich halte zwar die ganze Zeit über mein Handy und meine Kamera griffbereit, aber am liebsten würde ich einfach nur schauen und zuhören. Natürlich mache ich Fotos. Zur Erinnerung, für mich und auch für diesen Artikel. Und ich twittere sogar wieder. Aber eigentlich geht es um das Gefühl.

Dieses Gefühl, wenn man von einem Kunstwerk gefangen genommen wird, wenn man sich ganz darauf einlassen kann und die meisten Einflüsse ausblendet. Diese "Aura" kann eine fotografische Abbildung nur bedingt wiedergeben.

Ich sage HERZLICHEN DANK für dieses äußerst gelungene, spannende und informative Event. Ich habe es sehr genossen, durch das Haus zu wandern, zuzuhören und hinzuschauen.


Auf dem Städel Blog könnt ihr eine Zusammenfassung des Abends sowie die Links zu weiteren Artikeln finden. 

















Kommentare:

  1. Liebe Bettina,
    ganz herzlichen Dank für diesen ausführlichen und gedankenvollen Beitrag! Uns hat der Abend auch wahnsinnig viel Freude bereitet!
    Herzliche Städel-Grüße
    Silke

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  2. Spannend, wie du über Digitalität in deinem persönlichen Umgang mit Kunst (und dem in der Uni) schreibst. Ich sehe es beim Museumsbesuch auf jeden Fall ähnlich - erst schauen und wirken lassen, dann gegebenenfalls fotografieren oder Notizen machen. Zweiteres brauche ich so wie du auch häufig für die "Nachwirkung" des Besuchs, zu viel geht sonst unter und verloren. Es war so ein schöner Abend!

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