den Augenblick erkennen, den Moment erleben

15. Juli 2015

ausgestellt: Doug Aitken in der Schirn, Frankfurt


Seit Tagen kreisen die Worte I only have eyes for you in meinem Kopf. Das Lied mit dem gleichnamigen Titel wurde für das Filmmusical Dames (1934) geschrieben und in den 50er Jahren von The Flamingos in die Welt gebracht. Jahrzehnte später sind es unisono acappella Versionen in einer Kunsthalle, die mich fesseln. Doug Aitken hat also zumindest bei mir etwas erreicht. Der Künstler hat in seiner neusten Videoinstallation einige gewölbte Projektionsflächen kreisförmig zusammengestellt. Man betritt den dadurch entstehenden Raum, setzt sich hin, nimmt sich Zeit und schaut und hört zu. Auf den Wänden laufen filmische Sequenzen. Sie scheinen zusammenhangslos, doch jede einzelne ist für sich schon bewegend. Zwei Personen in einer Fabrikhalle, in der Maschinen arbeiten. Alles rummst und bewegt sich. Und diese zwei Personen stehen da, manchmal zueinandergewandt und singen das Lied I only have eyes for you. Ohne Musik. Nur die klaren Stimmen. Eine andere Sequenz: eine Autobahn, der fließende nächtliche Verkehr, die Lichter verschwimmen zu Fäden und ein Autofahrer. Einsam in der Nacht inmitten des Verkehrs, er singt das Lied. Tilda Swinton im weißen Kleid, eine helle Gestalt auf schwarzem Grund. Dazwischen Goldregen. Sie singt. Ein Tanz von roten Autos. Oder ein einsamer Mann an einer Telefonzelle, nachts, seine Schritte hallen, auch er singt. Viele Szenen reihen sich aneinander. Das Lied verbindet sie alle. Obwohl sich der Stil der Interpretation mit jeder Sequenz verändert, bleibt die Melodie unverkennbar. Und so wird es zu einem Ohrwurm, der mich durch die Ausstellung Doug Aitken in der Schirn begleitet.

Die Videoinstallation mit dem Titel Song1 wurde ursprünglich im Jahr 2012 auf der Außenfassade des Hirshhorn Museums in Washington DC gezeigt. Meiner Meinung nach wirkt diese Arbeit hier besonders stark. Wie Doug Aitken, der Künstler, später selbst im Artist Talk sagt, wollte er diese Erfahrung an die Menschen auf der Straße bringen. Er schuf eine Arbeit, die in den Menschen auch weiterlebt, wenn sie nicht mehr im musealen Umfeld sind. Und in der Tat bewegt mich das so passend gewählte Lied noch sehr lange. Die Menschen verbindet nämlich auch eine gewisse Einsamkeit oder ein Alleinsein, dargestellt durch die anonymen rhythmisierten Bewegungen auf der Straße oder in der Fabrik oder durch die Raumauflösung in der Nacht. Bei Song1 in der Schirn Kunsthalle verweile ich lange. Es ist der erste Ausstellungsraum, den man betritt. Die Bilder sind stark obwohl unaufgeregt, das Lied ist sehr präsent und obwohl sich viele Menschen auf den Boden setzen und die Installation wahrnehmen, fühle ich mich isoliert, oder vielmehr auf mich bezogen. Die Videos und die Sounds machen etwas mit mir und ich versuche zu ergründen, was genau das ist.


Doug Aitken möchte neue Sprachen entwickeln, die sich mit dem Hier und Jetzt, mit THAT moment beschäftigen. Er ist engaged in something that is present und versucht, sein Gespür für die Zeit in seinem Arbeiten zu transportieren. Und das ist wohl auch das verbindende Glied, das alle Arbeiten, die in der Ausstellung gezeigt werden, vereint. Denn schon 1996 war er einer der ersten, der sich mit dem Medium Film auseinandersetzte. Mit Equipment, das aus heutiger Sicht völlig veraltet wirkt, produzierte er das älteste Werk - Diamond Sea -, das die Schirn Kunsthalle von ihm zeigt. Bei dieser Arbeit möchte er keine Dokumentation der Zeit zeigen, nicht die Kolonialisierung und Ausbeutung, nicht die Landschaft. Er zeigt vielmehr den Gegensatz auf, zwischen Wüste und den Anlagen zum Abbau von Diamanten, um dadurch auf die Geschwindigkeiten der Veränderungen hinzuweisen. Die eine Veränderung ist die der Landschaft durch Luft, Wasser und Sonne. Die andere, viel schnellere, ist eine Veränderung der Natur durch die Einwirkung des Menschen und der Maschinen.


Ich muss ehrlich sagen, dass ich nach dem Eindruck des ersten Raums so bewegt bin, dass ich mir die restliche Ausstellung gar nicht hätte ansehen müssen. Dieses eine starke Erlebnis hätte völlig gereicht. So fallen die Skulpturen ein wenig aus meinem Blickfeld. Zu offensichtlich scheinen mir die Themen. Leuchtobjekte an der Wand. Die Zahl 1986, das Geburtsjahr des Künstlers und ein Jahr, in dem zeitgeschichtlich viel passiert ist, aus zerbrochenem Glas. Was mir am meisten daran gefällt: die Spiegelungen des Lichts im gesamten Raum. Eine Leuchtarbeit, bei der die Rückseite eines Iphones zu sehen ist, dessen Glas gesprungen ist. Was hat noch Bestand, wie stark sind wir davon beeinflusst? Seine Skulpturen sind zunächst eindeutige Bezeichnungen, Titel oder Aussagen, doch natürlich finden sich hier Fragen zu den Objekten. Damit wird der Betrachter wieder einbezogen und erhält eine aktive Rolle. Doch verlieren sich bei mir diese Gedanken wieder viel zu schnell...


Aber dann sieht man sich Black Mirror (2011) an und hat wieder so einen starken Input. In dieser Arbeit ist der gesamte Raum verdunkelt und mit drei Bildschirmen und vielen Spiegeln versehen. So erscheinen die Videos kaleidoskopartig und bespielen den gesamten Raum. Man befindet sich wieder inmitten seiner Arbeit, wird komplett eingenommen. Es geht um Menschen, die sich im Nirgendwo befinden, die in Hotels übernachten, um dann bald wieder im Terminal eines Flughafens zu stehen. Modern Nomaden eben. Menschen, die unstet und immer in Bewegung sind. In Zeiten der Networks und der Globalisierung ein bekanntes Thema. In der Arbeit verfolgt man eine Frau (Schauspielerin Chloë Sevigny) auf eine Reise ohne Ziel. Die Orte sind austauschbar. Als Betrachter erhält man durch den Aufbau des Raumes ganz unterschiedliche Informationen auf einmal. Es ist ein richtiges caleidoskope of perception. Und nicht nur die Bilder prägen sich ein, sondern ebenfalls das Spiel mit dem Licht und dem Sound. 


Auch bei der Videoinstallation migration (empire) von 2008 spielt der Raum eine wichtige Rolle. Man muss ihn selbst durchlaufen und erfahren. So geht man den langgetreckten Raum entlang und sieht drei hintereinander gestaffelte, große Bildschirme, vor denen jeweils ein paar Meter Platz ist. Das Video zeigt die unterschiedlichsten wilden Tiere, die in leere Motelzimmer gesetzt werden. Die Zimmer unterscheiden sich nur geringfügig. Alles von der gleichen Tristesse. Die Absurdität der Motels mit ihren Wiederholungen. Die Minibar, der Fernseher, das Telefon. Und die Tiere? Die Tiere werden in einen Raum gesetzt, in dem sie nicht heimisch sind. Man merkt ihnen an, dass sie sich nicht wohl fühlen. Sie schauen umher, sind unruhig oder zerstören gar das Zimmer. Man schaut sich die Tiere an und gleichzeitig das Gefühl, dass sie einen direkt ansehen. Die Handlungen der Tiere ist einzigartig, doch der Hintergrund bleibt trotz der Reise von 4000 Meilen quer durch Armerika, immer der selbe. 



Doug Aitken macht seine Arbeiten so, wie er sie meint. Sie sind klar und offensichtlich, immer mit einer Botschaft, die aber jedes Mal eher oberflächlich als tiefgreifend ist. Manch einer mag sich überrumpelt vorkommen vor lauter Sound und Monumentalität. Mich selbst stört es nicht. Seine Arbeiten wirken sehr amerikanisch. Offen und direkt, plakativ und bäm. Ein bisschen so, wie der Künstler selbst ist. Im Artist Talk merke ich, wie ich meine wenigen Vorurteile ziemlich schnell über Bord werfe. Er ist sympathisch, charismatisch und hat immer einen leichten Spruch auf den Lippen. Und er möchte wirklich die Menschen erreichen. Er möchte Erlebnisse schaffen und seine Erfahrungen in eine Sprache fassen. Sie handeln von Individuen und von Gruppen. Die Arbeit Sonic Fountain II (2013/2015) ist aber eine Arbeit, die einen persönlich betrifft. In der Rotunde der Schirn, also im öffentlichen Raum und für jedermann zugänglich, befindet sich ein Wasserbecken auf einem aufgeschütteten Sand-Stein-Haufen. Obwohl die Rotunde überdacht ist, hört man es tropfen. Denn von einer Konstruktion, die weiter oben hängt, fällt in unregelmäßigen Abständen Wasser hinunter. Weil das Wasser milchig-weiß ist, erinnert es mich stark an Milch und die Konstruktion an Melkmaschinen für Kühe. Das beinahe meditative Herunterfallen der Tropfen wird mit Lautsprechern verstärkt. Hier verbinden sich wieder Sound und Rhythmus, Natur und Raum. 


Die Ausstellung Doug Aitken ist die erste Retrospektive, die sich mit einem Rundumschlag von zirka 20 Jahren Schaffenszeit beschäftigt. Ob diese Ausstellung als Retrospektive wirklich gelungen ist, kann ich nicht beantworten. Denn einerseits werden zwar die unterschiedlichen Schaffenszeiten aufgegriffen, aber andererseits sind für einen umfassenden Überblick viel zu wenige Arbeiten zu sehen. Doug Aitken arbeitet nicht nur mit Videoinstallationen und schafft Skulpturen, er veranstaltet auch Happenings und macht Performances. Sein neuster Film Station to Station kommt in wenigen Tagen in die Kinos. Der vom Sundance Film Festival prämierte Film zeigt eine Reise mit einem umgebauten Zug durch Amerika. Bei diesem Roadtrip vom Atlantik zum Pazifik vor zwei Jahren ließ Aitken die unterschiedlichsten Künstler, Musikern und Tänzern einsteigen und "Kunst machen". Im Film werden 62 einminütige Spots von den Kunstaktionen gezeigt. 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 27.09.2015.
Ausführliche Informationen, ein sehenswertes Interview mit dem Künstler und dem Direktor Hans Hollein sowie den Ausstellungstrailer findet ihr auf dieser Seite. 

Ich danke der Schirn und dem Presseteam für das schöne Blog Up und die Einladung zur Ausstellung. 












Kommentare:

  1. Hi Bettina!

    Du sprichst mir aus der Seele, auch ich hatte tagelang "I only have eyes for you" im Kopf und den Drang zurück in die Ausstellung zu gehen, um Sound 1 noch einmal zu erleben. Einfach fantastisch!

    Liebe Grüße

    Merve

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    1. Ja, wie interessant, dass es dir auch so ging.

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  2. Hallo zusammen, ich war im Juli auch beim Blog Up dabei. Mir hat es ebenfalls sehr sehr gut gefallen. Ich hatte zwar keinen Ohrwurm, aber dafür einen Gedankenwurm. Aitkens Arbeiten gingen und gehen mit gar nicht mehr aus dem Kopf.

    Hattest du inzwischen schon Gelegenheit, dir STATION TO STATION in voller Länge anzuschauen, Bettina? Ich habe den Film genossen – er macht so sehnsüchtig nach Freiheit :)

    Beste Grüße
    Fabian

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    1. Hallo Fabian, nach dem Artikel hier konnte ich tatsächlich ein bisschen abschalten von Aitken :) Aber er taucht ja überall auf und prägt sich einfach ein. Ich habe es leider nicht geschafft, noch einmal hinzufahren.

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