den Augenblick erkennen, den Moment erleben

22. Juni 2015

Gedankenfragmente zu einem Leben mit Kunst


Dieser Moment, wenn man vor dem Museum steht und sieht, dass die groß diskutierte und vielversprechende Ausstellung bereits seit acht Tagen der Vergangenheit angehört. Es flattern via Emails und Facebook Einladungen zu den Ausstellungseröffnungen oder Presserundgängen ins Postfach. Doch die Termine passen (mal wieder) nicht, die Vernissagen beginnen zu spät, die Vorträge zu früh, manche Ausstellungsorte sind zu weit weg, um ihnen mal eben einen Besuch abzustatten. Mit Kind gestaltet sich das Ganze schwierig. Nicht unmachbar, aber schwierig. Doch mitten im Studium zieht es mich eben stark zu diesen Veranstaltungen und Orten. Noch viel stärker als bisher.  Ich sehe mit jeder nicht einlösbaren Einladung eine verpasste Chance, um Neues zu lernen, Bekanntes zu verifizieren, um zu genießen.


Ich liebe mein Studium. Und entgegen aller Erwartungen bin ich mit unserem Institut mehr als zufrieden. Die Veranstaltungen, die ich belege, sind spannend und fordern mich. Mit jedem Gespräch mit den Kommilitonen und Dozenten lerne ich mehr, schaffe Zusammenhänge und erfahre mich neu. Ich stehe in einem Prozess, in dem sich herauskristallisiert, worin ich gut bin und was mich wirklich interessiert. Dieser Prozess ist ganz natürlich, dafür braucht man kein Studium und das erlebt man auch in anderen Situationen. Doch fühle ich mich durch das Studium sehr stark mit diesem Prozess konfrontiert. Das ist etwas Gutes.

Das Besondere der letzten Wochen ist, dass sich mir immer mehr kunstgeschichtliche Verbindungen erschließen. Mein Themenschwerpunkt lag im letzten Jahr auf dem 20. Jahrhundert. Durch die Kontexte und durch das intensive Vorbereiten und Lesen für die Referate oder Hausarbeiten verstehe ich nun manches, das ich bisher nur beobachten konnte. In den letzten Jahren war ich hauptsächlich Konsument, doch nun ordnen sich die Dinge.

Ich bin wieder ein Bücherwurm geworden, würde am liebsten alles lesen, das sich mit den zu behandelnden Themen beschäftigt, liebe das Einarbeiten und werde vielleicht auch irgendwann gerne vortragen. Lass uns lieber in einem kleinen Kreis über die Minimal Art reden, über Inhalt und Form, über die Ausstellungskonzeption der Sonderausstellung xy, über Manifeste und Avantgarden.


Zwischendurch immer wieder der Gedanke: als Mutter werde ich es nicht unbedingt leicht haben. Die Arbeitszeiten lassen kaum Momente für Familie, das große Geld wird man auch nicht machen. Überspitzt formuliert. Vielleicht hätte ich mir ein anderes Arbeitsfeld suchen müssen. Aber wie soll das funktionieren, wenn mich gerade die Kunst so sehr packt? Ich bin mir sicher, dass ich auch "irgendwann irgendwie hineinrutschen" werde. Und egal wie unsicher mir momentan die Lage scheint, es geht nicht anders. Ich kann mich nicht nicht mit Kunst beschäftigen. Kunst macht mich glücklich.


Mit dem Plan, an dem Nachmittag ins Museum zu gehen, fuhren mein Sohn und ich nach Wiesbaden. Schon zu lange blätterte ich nur durch Bücher und sah keine Originale. Dieser Nachmittag stand unter einem guten Stern: Anton konnte bei der Tagesmutter nicht einschlafen und war somit nachmittags ziemlich müde. Als er im Kinderwagen einschlief, lief ich geradewegs auf das Museum Wiesbaden zu, um mir eine Auszeit zu gönnen.

Neunzig Minuten Ruhe und Stille. Das Schöne als Glücksversprechen nach Gadamer. Und welche Glückseligkeit. Ich begegne nur einer einzigen weiteren Besucherin, das Wetter zieht die Menschen nach draußen, nicht in die klimatisierten Räume. Doch das ist für mich genau richtig. Ich schaue mir die Sammlung an. Eigentlich sollte man es doch schaffen, regelmäßig hinzugehen, sein Auge zu schulen, sich vielleicht auch mal berieseln zu lassen oder Zusammenhänge zu schaffen. Ich durchquere den Beuys Raum, um links in einen großen Saal mit Nachbildungen von Marty Chalk von Arbeiten des russischen Futuristen Talin. Die Arbeiten werfen die Frage auf nach Rekonstruktionen und Originalen, was davon ist (noch) Kunst? Aber die Arbeiten interessieren mich. Assemblagen. Gerade davon gelesen, erst kürzlich ein gutes Referat über die Assemblage-Arbeiten von Picasso gehört. Später laufe ich in den großen Donald Judd Raum. Diese Ruhe. Ein bisschen fühle ich mich wie in einer Kapelle. Ein Ort, an dem ich mich am liebsten auf den Parkettboden setzen möchte, um mir dann die Zeit zum Sehen zu nehmen. Die Kuben erzeugen Räume, vielleicht auch eine gewissen Begrenztheit, aber ohne einzuengen. Die Glasarbeiten auf dem Boden (den Künstler habe ich mir leider nicht gemerkt) lassen mich hin- und herlaufen, die Spiegelungen betrachten, die Kombination der Farben des Bodens mit der ersten und mit der zweiten Glasplatte, dann noch eine in Beton eingehüllte Kette. Ach Eva Hesse! Ein Buch von ihr liegt gerade auf meinem Avantgarden-Stapel. Eine Pause bei Willi Baumeister, Erstaunen über die Hängung der Landschaftsbilder, Freude beim Entdecken von zeitgenössischen Arbeiten inmitten der "Alten Meister". Es gab in diesen neunzig Minuten noch viele weitere Oohs! und Aaah-Momente.


Ich glaube, ein Leben ohne Kunst funktioniert nicht. Und vielleicht kann ich hier die Brücke schlagen zu meinen zugegebenermaßen sehr weit auslaufenden Gedankenfragmenten. (Gute) Kunst gibt mir Ruhe, gibt mir ein echtes Glücksgefühl, Kunst lässt mich im Alltag Sehnsüchte haben, sie schafft Beziehungen, sie erklärt manchmal das Leben und die Geschichte. Sie ist also nicht mehr wegzudenken. Und umso glücklicher macht es mich, dass ich mich nicht nur privat, sondern auch im Studium und dann beruflich mit Kunst auseinandersetzen darf.

Kommentare:

  1. Es ist so schön zu lesen, dass dein Studium genau die richtige Wahl war. So soll es sein - und das ist jeden Umweg wert. Verlier nicht die Zuversicht, dass es schon irgendwie klappen wird. Denn das wird es, ganz bestimmt!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, momentan weiß ich das und habe eine tiefe, innere Sicherheit.

      Löschen
  2. Bei so viel Leidenschaft für dein Fach, muss sich ein Weg für dich finden.
    Ich lese gerne von dir und finde deine Art die Welt und das Leben und auch das Mutter-Sein zu reflektieren sehr bereichernd.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du liebe Person,
      ich danke dir so sehr für deine Worte. Es ist wirklich sehr schön, so ein Feedback zu bekommen! Und ja, der Weg findet sich! Nur manchmal glaube ich nicht so sehr daran, und ich finde manche Bedingungen auch erschwert, doch bin ich mir sicher, dass es vorangeht.
      Alles Liebe dir, Bettina

      Löschen