den Augenblick erkennen, den Moment erleben

26. April 2014

une rétrospective



Paris war natürlich wunderbar. Wie immer. Wir haben in diesen fünf Tagen nicht viel gesehen, auch nicht besonders viel erlebt. Aber eine richtig gute Zeit gehabt, Familienqualitytime. Wie erwartet bin ich kaum zu etwas gekommen, ich habe wenige Fotos geschossen (ich warte aber noch auf zwei Rollen!) und habe eigentlich nur zwei Orte neu gesehen. Dafür habe ich wirklich "gelebt", ohne Hetze.

Wir sind viel gelaufen. Die Straßen hoch und runter. Wir waren kurz an der Sacré Coeur und hatten keine Zeit für den außerordentlich tollen Blick auf die Stadt, weil unser Baby nörgelte. Wir saßen im Café, draußen an einem kleinen Tisch, Knie an Knie mit dem Nachbarn, tranken einen Kaffee, der viel zu teuer war, ruhten uns dort aus. Mich sprach ein alter Mann an und nannte meinen Buben einen Piloten. Ja, die Kappe erinnert mich auch an einen Piloten. Oder an einen Kapitän. Ich fand meinen Sohn sehr französisch, als er mit der Sophie spielte und einen französischen Strampler anhatte. Wir liefen Umwege, weil der Kinderwagen nicht alleine die Treppenstufen hochkam. Wir lernten alle Straßen des Montmartres kennen und ich verstand, warum das Viertel mittlerweile so hip ist. Vor sechs Jahren, als ich dort das erste Mal war und in einem schlechten Ein-Sterne-Hotel wohnte, das neben einem ehemaligen Bordell platziert war, als die Wände so dünn wie Pappe waren und es nur ein Stück Toastbrot mit Marmelade und Kaffee zum Frühstück gab, da fand ich diesen Stadtteil unschön, bestenfalls "spannend". Ein paar Jahre später verstehe ich den Charme. Manchmal braucht man den Blick aufs Ganze, um das Detail zu verstehen. Ich schoss einen Film voll und ärgerte mich, dass ich einen weiteren Film zu Hause vergessen hatte. Im Fotoladen kaufte ich einen Film für acht Euro. Der Wein, den uns der Vermieter daließ, schmeckte ausgezeichnet. Ich wollte mir das Etikett mitnehmen, doch das habe ich vergessen. Es ist schön, in einer Wohnung einzukehren, die für wenige Tage nicht nur das Zuhause ersetzt, sondern auch ist. Wie schnell man sich doch wohlfühlen und einleben kann. Auspacken und kochen sind wohl die besten Methoden, um sich schnell heimisch zu fühlen. Obwohl müde vom Tag, kamen wir spontan einer Einladung zum Apéro nach. Erst gegen zehn Uhr schafften wir es aus dem Haus, das Baby schlief, wir fanden nach einer kurzen Verirrung die Bushaltestelle und fuhren mit der 60 zur Mairie du 19e. Käse und Wein in einer typischen Pariser Altbauwohnung in einem großzügigen Wohnzimmer mit Blick auf den Parc du Buttes Chaumont.


Am anderen Tag bummelten wir durch das Marais. Wir zwängten uns drei in ein Photomaton, warfen ein Zweieurostück ein und - blitz -  wurden eins, zwei, drei, vier Fotos von uns geschossen. Sogar der kleine Mann posierte ganz lustig. Echte Hühner sahen wir dann im merci Conceptstore. Später, als wir uns auf einer Bank ausruhten, beobachtete ich einen Mann, der uns gegenüber in seinem Laden stand. Er putzte ein Cello, immer wieder ging er mit einem Lappen über das Instrument. Dann stand er auf, stellte sich an die Ladentür, schaute raus und telefonierte. Ich hätte diesen Moment gerne mit der Kamera festgehalten. Hätte die Spiegelung des Glases aufgenommen und das Beobachten des Mannes. Aber ich traute mich nicht näher ran, machte nur einen Schnappschuss aus meiner sicheren Entfernung, auf der Bank. In einem Park machte ich Fotos, während mein Freund mit unserem Buben auf Taubenjagd ging. Es war so warm, dass wir im Tshirt dasaßen. Dort entdeckte ich zwei kleine Mädchen, die die Rutsche hinaufkletterten. Sie waren so entzückend. Die beiden Kinder hatten feine, schwarze Mäntelchen an, braune Haare, einen geraden Scheitel, gute Manieren. Wenn sie mal kein Inbegriff französischer Kinder sind.
Wir hatten ein gutes Picknick am Place des Vosges, saßen vorher vor dem Musée Picasso, schauten uns die aktuelle Kollektion von Sandro an, mussten einen kurzen Stillstop auf der Place de Marché Sainte-Cathérine machen, wo ich einen coolen Vintageladen fand.


An einem anderen Tag verbrachten wir die meiste Zeit im Musée d'Orsay. Mit Kinderwagen nicht ganz so entspannt. Aber die Kunstwerke, also einige davon, hauten mich um. Die großen Meister des Impressionismus. Mich beeindruckte erneut Toulouse-Lautrec, aber auch Caillebotte und Renoir hatten es mir diesmal angetan. Die Sonderausstellung um van Gogh war völlig überfüllt. Glücklicherweise hatte ich die meisten Werke vor ein paar Jahren in der Schirn gesehen. Wir fanden ganz in der Nähe einen Mini-Supermarkt, kauften Getränke und Kekse und setzten uns an die Seine. Luft und Ruhe. Am Abend machten wir uns schick für unser Date. Wir hatten keinen Babysitter, aber wir passten einen guten Moment ab und hatten auch ein bisschen Glück. Der Sohnemann schlief die ganze Zeit in seinem Kinderwagen. Es gab gratinierten Camenbert mit Honig und Rosmarin, Ziegenkäse, Boeuf und leckeren Wein. Ein romantischer Abend.


Am letzten Tag machten wir uns noch einmal auf den Weg und gingen im Parc Monceau spazieren. Wir hatten einen leckeren Tortellinisalat für unser Picknick vorbereitet. Während wir auf der Bank saßen, beobachteten die Menschen. Der Park schien nicht groß zu sein, denn innerhalb kurzer Abstände kamen immer wieder die selben Leute vorbeigelaufen. Eine junge Frau walkte, während eine sehr alte Frau neben ihr joggte. Ein Vater brachte seinen Sohn im Kinderwagen zum Einschlafen. Und ein Obdachloser mit Schmutz an den Füßen, den man hätte abschaben können, schlief auf einer Parkbank, im Hintergrund ein herrschaftliches Haus. Es war zu kalt, um noch länger dort zu verweilen. Wir entschieden uns, zurückzufahren und im Café Lomi einzukehren. Der Weg führte uns durch eine etwas zwielichtige Ecke. Es roch nach gebratenen Maiskolben, in Zweiquadratmeterräumen wurden Perücken neben afrikanischen Spezialitäten verkauft, eine voluminöse Frau im traditionellen Gewand sprach mit ihrer Freundin, die aus dem Fenster des Erdgeschosses schaute. Im Café waren hippe, junge Leute, sie saßen hinter ihren Büchern oder Laptops. Wir mittendrin. Im Hintergrund nahm man die Gerüche von frisch gebrühtem Kaffee und Zimt wahr. Ich beschrieb endlich die letzte Karte, die ich dann doch nicht abschickte.



Ich weiß nicht, wie viele Croissants und Pain au Chocolats ich in diesen Tagen gegessen habe. Wie kriegen die Franzosen den Teig so schön buttrig und locker hin?

Und wieder viele Bilder, lasst euch mitnehmen in diese tolle Stadt!





















Kommentare:

  1. Wunderschöne Bilder, besonders die Stimmung in den letzten beiden gefällt mir gut. Schön, dass du wieder so viel schreibst! Und noch schöner, dass ihr so eine gute Zeit in Paris hattet.

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  2. Wow! So schön hast du geschrieben, ich habe das Gefühl, dass ich mit euch ein Stückchen mitgegangen bin.

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